Jan R. schrieb:
> Wenn sich rechnerisch, z.b. bei einer Reihenschaltung aus einer
> Tunnelldiode oder DIAC und einem Widerstand,zwei stabile Arbeitspunkte,
> ergeben, kann man dann berechenen, welcher eintritt?
Ich nehme an, das ist die Nachfrage für den Thread (irgendwas mit
Stromquellen?) wo es am Ende darum ging, ein nichtlineares Netzwerk zu
simulieren.
Eine übliche Vorgehensweise besteht darin, alle nichtlinearen Elemente
durch eine lineare Approximation zu ersetzen und das entstehende
Gleichungssystem zu lösen. Das gibt eine Näherungslösung und genäherte
Arbeitspunkte. Basierend auf dieser Näherungslösung wird eine neue
lineare Approximation gemacht, die gibt ein neues Gleichungssystem und
das gibt eine neue Näherungslösung. Das wiederholt man so lange, bis man
(hoffentlich) eine stabile Lösung erhält.
Die Frage ist jetzt: wenn es von vornherein mehr als eine Lösung gibt,
kann man dann vorhersagen, welche Lösung die o.g. Methode finden wird?
Die kurze Antwort ist, daß das vom Startwert abhängt. Die lange Antwort
ist etwas ... länger ;)
Die o.g. Folge von iterativen Näherungslösungen kann man als dynamisches
System ansehen. Die Menge aller möglichen Zustände eines solchen Systems
nennt man den Phasenraum. Im o.g. Beispiel wäre jeder (Lösungs)Vektor
(u1, u2, ..., un) der Knotenspannungen ein Punkt im Phasenraum. Bei
jeder Iteration bewegt sich das System von einem Punkt im Phasenraum zum
nächsten. Ein Punkt im Phasenraum von dem das System wieder auf den
gleichen Punkt springt, heißt Fixpunkt. Offensichtlich müssen stabile
Arbeitspunkte Fixpunkte des dynamischen Systems sein.
Fixpunkte können nun anziehend sein oder abstoßend. Ein gutes
gedankliches Modell ist das einer Hügellandschaft. Ein Punkt, an dem
eine Kugel ruhig liegen bleibt, ist ein Fixpunkt. Manche dieser Punkte
sind stabil (vulgo: anziehend), z.B. in einer Talmulde. Andere sind
labil (vulgo: abstoßend), z.B. auf der Spitze eines Hügels. Systeme mit
nur einem Fixpunkt sind i.d.R. gutartig. Systeme mit mehreren Fixpunkten
können aber sehr komplexes Verhalten zeigen. Typisch sind dabei
(chaotische) Oszillationen, wo das System zwischen verschiedenen
Fixpunkten herumspringt. (Nicht genau zwischen den Fixpunkten, sondern
aus der Nähe eines Fixpunkts in die Nähe eines anderen. Durch die
begrenzte Rechengenauigkeit können hier aber auch echte Zyklen
entstehen, die dann ein Artefakt sind.)
Schließlich brauchen wir noch einen Begriff: den Attraktor. Jeder
Fixpunkt eines dynamischen Systems hat einen Attraktor. Das ist die
Menge aller Punkte, die wenn man sie als Startwert wählt, schließlich
zum besagten Fixpunkt führen. Damit wird die lange Antwort rund: die
Simulation wird den Arbeitspunkt finden, auf dessen Attraktor der
Startwert liegt.
Attraktoren sind ziemlich attraktive Biester. Einen hat sicher jeder
schon mal gesehen, das sogenannte
http://de.wikipedia.org/wiki/Apfelmännchen
Die meisten (wenn nicht alle) nichttrivialen Attraktoren sind Fraktale.
Das bedeutet dann auch, daß sie keinen glatten Rand haben und daß es
ganz allgemein sehr schwierig sein kann, überhaupt einen Punkt auf dem
Attraktor zu treffen (nicht vergessen: Computer rechnen mit begrenzter
Genauigkeit)
So. Mal sehen ob Jan R. sich jetzt zu einem Mathestudium einschreibt ;)
XL