An der ETH gab es vor ein paar Tagen ein Seminar zur KI im Bereich engineering und information technology, wo es eine interessante Aussage eines Vortragenden zu den Schwerpunkten der geänderten Arbeitslebens gab. Der Herr ist seit langem als Projekt- und Teamleiter in der Industrie unterwegs und arbeitet nun an der ETH als Dozent.
Ich gehe es mal sinngemäß wieder:
Seit Jahren sei zu beobachten, dass allgemeine Bildung an Gymnasien in der DACH-Region durch alternative Schulmodelle unterlaufen wird, um schneller Techniker in die Wirtschaft zu bringen. Das humanistische Bildungsideal bleibt auf der Strecke: Kultur, Sprachen und Allgemeinbildung sind bei vielen der reinrassigen Techniker unterentwickelt. In Deutschland hat man zeitweise sogar das Abitur verkürzt.
Fachhochschulen und Duale Hochschulen produzieren massenweise schnell- und kurz ausgebildete Programmierer, Ingenieure und Informatiker, damit die Industrie viel Fachpersonal (um nicht zu sagen "Fachidioten") zur Verfügung hat. Diesen mangelt es an sprachlichen und kommunikativen Fähigkeiten, es fehlen ihnen auch die Denkbausteine, die durch Geschichte, Sozialkunde, Naturkunde und andere Disziplinen hätten erarbeitet werden sollen, welche an Technikergymnasien und Hochschulen aber zu kurz kommen oder völlig fehlen.
Trotzdem laufen viele dieser Leute den besser ausgebildeten Gymnasiasten und Universitätsabsolventen den Rang ab und überholen sie karrieremäßig. Für viele Informatiker und Ingenieure war breites Wissen bisher hinderlich, wollten sie eine neue Arbeit suchen, weil Firmen strikt darauf achteten, nur gerade den einzustellen, der benötigt wird. Mehr zu können, als gefragt war, führte oft zu Absagen. Man hat dann auf den preiswerteren schmaler ausgebildeten Entwickler zurückgegriffen.
In ähnlicher Weise wurde der Markt mit ausländischen Fachkräften geflutet, was sich besonders in der Softwareentwicklung zeigte: Gute Sprachkenntnisse waren nicht wichtig, allgemeine technische Bildung oder gar fachübergreifendes Denken wurde nicht gefragt. Hauptsache die Fachdisziplin wurde beherrscht und das war meistens eine Computersprache.
Mit Einführung der KI und Codegeneratoren ändert sich das nun: Verbale Kommunikation, Sprachen (nicht jede KI versteht Deutsch) und eine stark ausgeprägte Stärke in konzeptionellem Denken sind wieder mehr gefragt statt stupidem Tippen. Das Codieren hat sich erledigt. Der klassische Programmierer stirb aus! Besonders der Softwareentwickler, der bislang nur mit Computersprachen gearbeitet hat und eine Vorgabe durch Systemingenieure entgegen genommen und umgesetzt hat, wird ersetzt werden.
Viele Firmen werden sich umstrukturieren müssen: Statt Fachabteilungen mit mehreren parallelen Disziplinen zu unterhalten, in denen sehr fachspezifische Entwickler arbeiten, wird mehr interdisziplinäres Denken gefragt sein.
Wenn man davon ausgeht, dass ein Programmierer 70% seiner Zeit codiert, kann man rechnen, daß dies auf 20% zusammenschrumpfen kann, wenn er ausladend KI einsetzt. Damit fällt 50% der Arbeitszeit weg. Rechnet man einen wachsenden Anteil an Konzeptarbeit, die dadurch geleistet werden kann und muss, welche an anderen Stellen entsteht, sollten wenigsten 30% einsparbar sein.
Damit fallen mittelfristig 30% der Stellen für Softwareentwickler weltweit weg. Schon jetzt hat es aber einen Überhang von einfach ausgebildeten Programmierern. In China spricht man von mindestens 50%, in Indien von bis zu 70%, die eine entsprechende Ausbildung haben, aber fachfremd arbeiten müssen.
Bei Ingenieuren mit einem geringeren Anteil an ersetzbarer Programmierarbeit von im Mittel 30%, kann man von einer Reduktion auf 10% und damit von einer Einsparung von 20%- der Arbeitszeit ausgehen. Aufgrund der höheren Komplexität der Ingenieurstätigkeiten soll es etwa 10% der Arbeitsplätze kosten.
Wie sind eure Einschätzungen?