Basteln, Experimentieren, Spaß haben mit "historischer" Elektronik

Gast #3913081
Hallo,

der Umgang, die Beschäftigung, das erlernen mit/von "historischer" 
Elektronik, Techniken, Lösungen usw. ist ja ein interessanter (wenn auch 
für die aktuelle Praxis nur selten sinnvoller) Teilbereich unseres 
Hobbys.

Während man selbst die ältesten Grundlagen heute noch nachvollziehen 
kann, und es auch für die Röhrentechnik noch genug einfach zu 
beschaffendes Material gibt, so sieht es mit, auch nur leicht 
spezielleren Bauteilen, der 60 bis sogar teilweise ende der 90er Jahre 
schon deutlich schwieriger aus.

Wenn jemand sich, nur mal als ein Beispiel, mit der TTL Technik vor der 
Einführung der 54/74er TTL Typen praktisch mit den damals tatsächlich 
eingesetzten Komponenten (also kein Nachbau in moderner Technik) 
beschäftigen will, wie kommt er an die Komponenten heran ?

EBay und Konsorten bieten bei so speziellen Sachen eher selten etwas an, 
nicht jeder hat Vitamin B mit irgendwelchen Firmen, Abteilungen, 
"Entwicklungsbuden", alten Bastlern und Ingenieuren usw.

Es gibt hier im Forum doch sicherlich einige die sich damit (nebenbei) 
auch beschäftigen - wie geht ihr da vor, wo sucht ihr usw. ?

Um es nochmal deutlich zu sagen: Das mit der TTL Technik soll nur als 
Beispiel dienen und ist nicht die eigentliche Frage.

mfg

     Ursus
Gast
Keine Chance. Für die Wartung vom Kernkraftwerken haben die Firmen alles 
aufgekauft. Würden die bei der Reparatur ein modernes Bauteil verwenden, 
ginge das ganze Zulassungsverfahren wieder von vorne los.
Ursus schrieb:
> Hallo,
>
> der Umgang, die Beschäftigung, das erlernen mit/von "historischer"
> Elektronik, Techniken, Lösungen usw. ist ja ein interessanter (wenn auch
> für die aktuelle Praxis nur selten sinnvoller) Teilbereich unseres
> Hobbys.
>
> Während man selbst die ältesten Grundlagen heute noch nachvollziehen
> kann,

Genau, ich habe z.B. ein Buch "Elektrotechnik für Jungen" aus dem
Jahre 1912. :-)

> Wenn jemand sich, nur mal als ein Beispiel, mit der TTL Technik vor der
> Einführung der 54/74er TTL Typen praktisch mit den damals tatsächlich
> eingesetzten Komponenten (also kein Nachbau in moderner Technik)
> beschäftigen will, wie kommt er an die Komponenten heran ?

TTL-ICs werden m.W. noch immer angeboten. Man sollte aber zumindest
als Anfänger einen Bogen darum machen, da es gar nicht so einfach
ist, Schaltungen damit störsicher hinzubekommen. Die 4000er-CMOS-
Reihe stammt aus den Siebzigern und istwesent,lich einfacher zu
handhaben.
Gruss
Harald
Gast
Harald Wilhelms schrieb:
> Paul Baumann schrieb:
>
>> Wer mit TTL-Schaltkreisen umfangreiche, funktionierende Schaltungen
>> aufgebaut hat, der braucht sich vor anderen Baureihen nicht mehr zu
>> fürchten.
>
> ACK! Man sollte aufjeden Fall Kerkos reichlich mit der Streusand-
> büchse auf der Platine verteilen. :-)

>>> mit der TTL Technik vor der
>>> Einführung der 54/74er TTL Typen praktisch mit den damals tatsächlich
>>> eingesetzten Komponenten (also kein Nachbau in moderner Technik)
>>> beschäftigen will, wie kommt er an die Komponenten

VOR den 54ern von TexasInstruments gabs es als TTL (mehrfach 
kontaktierte Emitter ...) ldgl. SUHL von Sylvania.
Zu den Teilen gibt es aber wohl auch nichts Funktionskompatibles.
(Also so Sachen wie drei NANDs und ein OR in einen Gehaus z.B.)

http://bitsavers.informatik.uni-stuttgart.de/pdf/sylvania/_dataBooks/SM2927_Sylvania_Universal_High_Level_Logic_May66.pdf

Also jetzt beim Wort genommen.
Gast
Einfach bei Pollin IC-Sortimente bestellen.
Oder auf den Trödel gehen. Da gibt es manchmal schachtelweise solche IC 
Sammlungen, und niemand will sie haben.
Und bei Reichelt gibt es die Grund-TTL als LS-Typen immernoch.
Ich arbeite manchmal noch mit "Discrete Transistor Logic". Die Gehäuse 
Bauformen dieser "Lokikfamilie" sind da eher vielfältig, kommen aber 
meist mit drei Anschlüssen aus. Es gibt sie sowohl in SMD und bedrahter 
Ausführung als auch mit umgekehrter Versorgungsspannung.

Der weite Versorgungsspannungsbereich erlaubt viel Spielraum und die 
Schaltungen sind ziemlich sparsam.

Für praktische Anwendungen kommen dann meist noch viele Dioden, 
Widerstände und Kondensatoren dazu.

Nachteil ist, dass man zum Aufbau viel Platz braucht. Ist halt was 
Anderes als eine moderne Bord mit einem einsamen Mikrocontroller 
drauf:-) Die Arbeitsgeschwindigkeit ist auch nicht gerade beindruckend, 
reicht aber für viele Anwendungen durchaus aus.

Macht aber irgendwie Spass solche Schaltungen noch zum Laufen zu 
kriegen. Da kann man sich richtig austoben.

In manchen Geräten der 60er Jahren kann man noch viele Beispiele dieser 
Schaltungstechnik bewundern.


P.S. Bitte nicht zu ernst nehmen
Harald Wilhelms schrieb:
> Genau, ich habe z.B. ein Buch "Elektrotechnik für Jungen" aus dem
> Jahre 1912. :-)

Stimmt nicht ganz. Die erste Auflage von Heinz Richter kam erst 1948 
heraus.

Du meinst bestimmt die Hanns Günther Originalfassung "Kleine 
Elektrotechnik für Jungen" von 1912, welche eine authorisierte deutsche 
Bearbeitung des Buches "Harper's Electricity Book for Boys" von Joseph 
Adams ist.

mfg,
Gerhard
Angehängte Dateien:
Gerhard O. schrieb:

> Du meinst bestimmt die Hanns Günther Originalfassung "Kleine
> Elektrotechnik für Jungen" von 1912, welche eine authorisierte deutsche
> Bearbeitung des Buches "Harper's Electricity Book for Boys" von Joseph
> Adams ist.

Meins hat das gleiche Titelblatt wie dieses:
http://www.booklooker.de/B%C3%BCcher/Adams-G%FCnther+Elektrotechnik-f%FCr-Jungen-Taschenbuch/id/A01quPW201ZZP
Um welche Bauteile geht es konkret? Manche alten TTL sind nicht mehr so 
gut zu bekommen, ich denke da an 7475 oder 7476, oder 4059 bei den CMOS. 
LSL habe ich noch einen hohen Bestand hier, und auch die MC8xx und 
9xx-Reihe von Motorola. Ich bin hier relativ gut sortiert...
Wird etwas Spezielles gewünscht ==> PM
;-)
Gast
Harald Wilhelms schrieb:

>> Wer mit TTL-Schaltkreisen umfangreiche, funktionierende Schaltungen
>> aufgebaut hat, der braucht sich vor anderen Baureihen nicht mehr zu
>> fürchten.
>
> ACK! Man sollte aufjeden Fall Kerkos reichlich mit der Streusand-
> büchse auf der Platine verteilen. :-)

Bei TTL kommt man komplett ohne Abblockkondensatoren aus. Ich habe 
genügend Arcade-Platinen aus den '80ern, die dies beweisen. Man darf 
dort nur nicht den Fehler machen, einen defekten LS durch HCT zu 
ersetzen...

Und im Apple II waren die Kondensatoren auch noch relativ spärlich 
verteilt. An den 4116, an der CPU, und dann so alle 10..15 Käfer mal 
einer.



Abblockkondensatoren sind absolut notwendig bei CMOS, da dort die 
Strom-Peaks beim Pegelwechsel auftreten.
soul eye schrieb:

> Bei TTL kommt man komplett ohne Abblockkondensatoren aus.

Mit TTL meine ich 74er ganz ohne Zusatzbuchstaben. Die sind schon
empfindlich gegen Störspannungen

> Abblockkondensatoren sind absolut notwendig bei CMOS,

Zumindest die 4000er Serie ist da deutlich unempfindlicher. Da
reicht auch ein Kerko für mehrere ICs. Insbesondere wenn die
Betriebsspannung >>5V ist.
Gruss
Harald
soul eye schrieb:
> Bei TTL kommt man komplett ohne Abblockkondensatoren aus. Ich habe
> genügend Arcade-Platinen aus den '80ern, die dies beweisen. Man darf
> dort nur nicht den Fehler machen, einen defekten LS durch HCT zu
> ersetzen...

TTL ist TTL.
LS-TTL ist nicht TTL!
HCT ist auch nicht TTL.

> Bei TTL kommt man komplett ohne Abblockkondensatoren aus.

Kaum, wenn Du Dir nicht die Schwindsucht an den Hals ärgern willst.

MfG Paul
Gast
Harald Wilhelms schrieb:
> soul eye schrieb:
>
>> Bei TTL kommt man komplett ohne Abblockkondensatoren aus.
>
> Mit TTL meine ich 74er ganz ohne Zusatzbuchstaben. Die sind schon
> empfindlich gegen Störspannungen

Zu deren Zeiten waren die Kondensatoren noch seltener als in der 
'LS-Ära.

Heutzutage haben wir uns ja angewöhnt, pro IC einen Kondensator zu 
setzen. In den '70ern und '80ern war das noch weitgehend unüblich. Da 
muss man sich nur mal ein paar alte Designs anschauen. Mit EMV hatten 
die noch gar keine Verträge.


Hier ist so ein Beispiel: http://www.animeoasis.org/DSCF0656.JPG

Bei dem Board auf dem Foto ist immerhin noch an jedem fünften IC ein 
Keramikkondensator vorgesehen. Bei der mir vorliegenden Platine ist 
davon kein einziger bestückt. Und die ist jahrelang in einer Spielhalle 
gelaufen.
soul eye schrieb:
> Bei TTL kommt man komplett ohne Abblockkondensatoren aus.

Stimmt.
Ich hatte mal ne Schaltung mit ~50 TTL-ICs nur mit dem 4700µF im 
Netzteil betrieben, ging einwandfrei.
Allerdings gingen keine RC-Verzögerungen mehr (zu langsame Flanken), nur 
noch taktsynchrone Zeitglieder mit FFs oder Zählern.
Und für Radioempfang mußte man reichlich Abstand halten.
Peter Dannegger schrieb:
> M.N. schrieb:
>> Coll! Ich hab noch Radiobasteln für Jungen.
>
> Das ist aber nicht politisch korrekt, es muß heißen:
> Radiobasteln für JungInnen

Ich finde diese politische Korrektheit Ideologie einen richtigen Krampf!

Ich interpretiere dies eigentlich so:

Radiobasteln für Jungen = Radiobasteln für junge Menschen

Ich bin sicher dass man das damals eher so auffasste. Jungen hat also 
überhaupt nichts mit Geschlecht zu tun. Nur wenn man es absichtlich 
literal auffassen will. Ist also ganz Gender unspezifisch, wenn man 
nicht gerade politisch korrekt hirnverbrannt ist.

In Canada haben wir die gleichen Probleme. Es ist richtig zum Kotzen.

Die haben hier auch nicht begriffen dass man z.B. mit "Man" manchmal 
unspezifisch "Mensch" meint und nicht Mann. Im Kontext ist da ja klar. 
Die Frauen regen sich aber über solche Dinge auf.

mfg,
Gerhard
Gast
Harald Wilhelms schrieb:
> Ja, heutzutage wird ja alles, wo in etwa 5V rauskommen, schon
> als "TTL" bezeichnet. :-(

Ja, den das ursprüngliche TTL hat sich zu einem Oberbegriff gemausert.
Welche Chip-Serie sich dahinter verbirgt ist wurscht.
Es ist die Definition der Pegel.
Und wenn man sich daran hält, kann man verschiedene Chips kombinieren.
Gast
Harald Wilhelms schrieb:
> Mit TTL meine ich 74er ganz ohne Zusatzbuchstaben. Die sind schon
> empfindlich gegen Störspannungen

Und 74L und 74F sind keine echten TTL basierende Bausteine?

Naja habe bis jetzt viel mit echten TTLs gemacht und noch nie Probleme 
damit gehabt, ich habe auch Eingänge offen gelassen wenn ich nen H-Pegel 
wollte, bei CMOS schaut die Welt ganz anders aus.

Meine TTL Vorräte habe ich von Pollin, Großeltern und der Entrümpelung 
in der Firma wo ich arbeite.
Gast
Der Unterschied zwischen Std und L (und H) liegt in der Dotierung der 
Widerstandszonen. L ist hochohmiger, damit spar- und langsamer. Das "S" 
steht für einen Schottky-Übergang parallel zur Basis-Kollektorstrecke 
des Eingangstransistors. Damit gehen die Dinger nicht so hart in 
Sättigung und sperren schneller. Davon abgesehen ist die Innenschaltung 
der Baureihen sehr ähnlich. Insofern kann man Std, L, S und LS durchaus 
unter dem Begriff "TTL" zusammenfassen.

Ganz anders HC, HCT, AC, ACT usw. Die CMOS-Typen sind zwar funktional 
identisch, haben aber eine völlig anderen inneren Aufbau.

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