Nostalgie und Entschleunigung

Gast #6918614
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Nabend.

Heute bei heise ein Artikel, dessen Titelbild bei mir die reinste 
Nostalgie und Entschleunigung auslöst. Ich dachte, ich teile das mal 
hier.

https://www.heise.de/news/Hintertueren-in-Auerswald-Telefonanlagen-6304233.html

Jaja... damals... an Einfachheit war das Teil kaum zu überbieten. Man 
musste nichts wissen, um das Telefon zu benutzen, denn es gab für den 
Nutzer schlicht nichts zu wissen. Von Backdoors, Trojanern und nervenden 
Apps ganz zu schweigen. Einfach nur telefonieren.

Aus irgendwelchen Gründen kann ich mich noch sehr gut an die Geräusche 
erinnern, die die Drehscheibe und der Impulsgeber generiert haben. Auf 
die 0 musste man immer ewig warten, bis die gewählt wurde. Die 1 ging am 
schnellsten. Das erklärt übrigens auch die Wahl der Notrufnummern.

Irgendwie bin ich froh, so ein Teil als Kind mal benutzt zu haben, also 
es zeitlich gerade noch erleben durfte. Die Menschen, die sich an solche 
Erlebnisse erinnern, werden auch immer weniger.
Gast #6918620
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Hans schrieb:
> an Einfachheit war das Teil kaum zu überbieten.

Hast du mal ausprobiert, eine Wählscheibe zu benutzen?

Ich habe das neulich aus Spaß mal gemacht. Hätte nicht gedacht dass es 
mir so schwer fallen würde, 11 Ziffern richtig zu wählen.

Früher als Kind hätte ich es fast blind hinbekommen.

Hans schrieb:
> es gab für den Nutzer schlicht nichts zu wissen.
> Von Backdoors, Trojanern und nervenden
> Apps ganz zu schweigen. Einfach nur telefonieren.

Ja, manches war an der alten Technik besser. Meinen Kindern fällt es 
schwer, das zu glauben.

Hans schrieb:
> Die 1 ging am schnellsten. Das erklärt übrigens auch die
> Wahl der Notrufnummern.

Da habe ich eine andere Erklärung im Gedächtnis. Die 1 und die 2 kann 
man notfalls durch antippen der Hörer-Gabel manuell wählen, mit der 0 
schafft man das kaum.
#6918634
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Stefan ⛄ F. schrieb:
> Da habe ich eine andere Erklärung im Gedächtnis. Die 1 und die 2 kann
> man notfalls durch antippen der Hörer-Gabel manuell wählen, mit der 0
> schafft man das kaum.

Das passt nicht dazu, dass die zweite, damals wahrscheinlich noch 
häufiger genutzte, Notrufnummer die 112 war. In heutigen Zeiten dürfte 
sie allerdings von der 110 überholt worden sein („Hallo, Polizei? Bitte 
kommen Sie ganz schnell, der Dackel vom Nachbarn defäkiert auf meinen 
Rasen!“)
Gast #6918636
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Stefan ⛄ F. schrieb:
> Die 1 und die 2 kann man notfalls durch antippen der
> Hörer-Gabel manuell wählen, mit der 0 schafft man das kaum.

Jack V. schrieb:
> Das passt nicht dazu, dass die zweite, damals wahrscheinlich noch
> häufiger genutzte, Notrufnummer die 112 war.

Doch genau diese sollte notfalls ohne Wählscheibe erreichbar sein.

Jack V. schrieb:
> In heutigen Zeiten dürfte
> sie allerdings von der 110 überholt worden sein („Hallo, Polizei? Bitte
> kommen Sie ganz schnell, der Dackel vom Nachbarn defäkiert auf meinen
> Rasen!“)

Ja, wobei ich erlebt habe, dass man höflich aber bestimmt an das 
Ordnungsamt verwiesen wird. Auch auf Themen wie zugeparkte Garagen und 
Ruhestörung hat die Polizei bei uns keinen Bock mehr.

(Bei uns im Innenhof gibt es ein Gebäude dass sehr häufig für Parties 
vermietet wird)

Dass das Ordnungsamt am Nachts und am Wochenende nicht wirklich 
erreichbar ist - geschenkt. Dann muss man halt selber die Party crashen 
gehen - leider.
Gast #6918679
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Hans schrieb:

> Jaja... damals... an Einfachheit war das Teil kaum zu überbieten. Man
> musste nichts wissen, um das Telefon zu benutzen, denn es gab für den
> Nutzer schlicht nichts zu wissen.

Totale Fehleinschätzung!
Ich habe schon mehrfach gesehen, daß jüngeren Nutzern damit kein 
Gesprächsaufbau gelingt.
Weil, erst Nummer wählen und dann Hörer abnehmen funktioniert halt 
nicht...

Nüchtern betrachtet, ist es ja auch ausgesprochen unpraktisch und 
unlogisch, während des ohnehin komplizierten Wählvorgangs, bei dem der 
Apparat ggf. noch auf den Tisch hin und her rutscht, auch noch die 
zweite Hand mit dem Hörer zu blockieren.
Also so einfach und intuitiv ist der olle Apparat auch nicht....

Außerdem hat die fehlende Wahlwiederholung natürlich schon damals 
genervt...
Gast #6918686
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Stell dir mal vor, das Freizeichen wäre eine Ansage, was würde der Max 
aus dem aktuellen Jahrhundert tun?

"Bitte Ziel wählen"

"Herr Scheffel auf der Winkelgasse 14"

"Bitte Ziel wählen"

"Winkelgasse"  ( nicht nuscheln 😀 )

"Bitte Ziel wählen"

"Hallo Alexa, Scheffel, Winkelgasse 14 bitte"

"Bitte Ziel wählen"

Mamaaaaaaa, das Scheißding ignoriert mich!
Gast #6918696
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"Wählscheibe"
Da geht mir das Messer in der Tasche auf!
Das Ding heißt amtlich Fingerlochscheibe.
Das komplette Teil mitsamt Getriebe, Fliehkraftregler, Federhaus, 
Kontaktsatz und Unterbrecher heißt Nummernschalter.
#6918735
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Hans schrieb:
> Jaja... damals... an Einfachheit war das Teil kaum zu überbieten.

Und erst Kutschenräder. Man, was waren die einfach.

Da gab es für den Nutzer schlicht nichts zu wissen.  Kein Auswuchten, 
kein Reifendruck, kein Wechsel Sommer-/Winterreifen, keine 
Stickstofffüllung. Keine Reifenplatzer, keine nervenden Glasscherben die 
das Rad zerstören.

Die Menschen, die sich an solche Erlebnisse erinner, werden auch immer 
weniger.

> Irgendwie bin ich froh, so ein Teil als Kind mal benutzt zu haben, also
> es zeitlich gerade noch erleben durfte.

Irgendwie bin ich froh dass ich so einen Scheiß nicht mehr benutzen 
muss. Übrigens begann man in Amerika bereist 1963 Tastenwahl eingeführt. 
Während der Innovationsverhinderer Deutsche Post zusammen mit den 
fleißig korrumpierenden Amtsbaufirmen uns erst 13 Jahre später mit 
dieser "modernen" Technik beglückte und den Rattata-Schrott langsam, 
gaaaanz laaaaangsaaaaam, ersetzte. Man ging sogar drei Jahre später 
(1979) erst einmal wieder einen Schritt zurück und rüstete den neuen 
"Fernsprechtischapparat" FeTAp 79 wieder mit Wählscheibe aus.

Du hast das also zeitlich nur deshalb erleben können weil man in 
Deutschland den Arsch nicht hoch bekommen hat.

Zum Vergleich, hier ein deutscher FeTAp 79 in Rotkotze 
http://www.waehlscheibentelefon.info/images/Galeriebilder/FeTAp7-2.jpg 
und Grünkotze 
http://www.waehlscheibentelefon.info/images/Galeriebilder/FeTAp7-3.jpg 
und hier ein Iskra EAT 85 von 1979 aus Jugoslawien 
https://www.moma.org/collection/works/138921 Letzteres in der Sammlung 
des im Museum of Modern Art.
Gast #6918768
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Stefan ⛄ F. schrieb:
> Doch genau diese sollte notfalls ohne Wählscheibe erreichbar sein.

die 112 war auch dann erreichbar, wenn man ein Schloss ab der 3 
einbaute. Z.B. bei uns in der Halle.

Wer das mit der Wählgabel kannte, der konnte auch beliebige nummern 
damit wählen. Damals konnten die Kinder noch bis 10 zählen.

Ich hatte mir die 0 am Ende so erklärt, dass man die 3 Sekunden etwa 
sich sammeln sollte, da ein Anruf bei der Polizei in der Regel emotional 
sehr aufgeladen war. Also in 1s 110 angewählt und dann verschnaufen.
#6918830
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Rente mit 76 schrieb:
> Das Ding heißt amtlich Fingerlochscheibe.

In A bei Schrack hieß das Nummernscheibe oder Wählscheibe, das war
in meiner Lehre als Nachrichtenelektroniker, die Firma stellte Telefone,
Anlagen und Relais her...

Es gab auch irgendwo die Bezeichnung Fingermuldenscheibe...

> Das komplette Teil mitsamt Getriebe, Fliehkraftregler, Federhaus,
> Kontaktsatz und Unterbrecher heißt Nummernschalter.

Genau, mit nsa/nsi/Gu Kontakten...
Angehängte Dateien:
#6918968
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Hans schrieb:
> Man
> musste nichts wissen, um das Telefon zu benutzen,

Du musstest sämtliche Nummern im Kopf haben (oder notiert).

Hans schrieb:
> Jaja... damals... an Einfachheit war das Teil kaum zu überbieten.

Du bist aufgrund deiner Prägung biased.
Das Teil kommt dir nur einfach vor weil du damit sozialisiert wurdest 
(ich übrigens auch).
Intuitiv ist da garnichts dran.
(Firma: Hobbytheoretiker) #6918976
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Le X. schrieb:
> Du musstest sämtliche Nummern im Kopf haben (oder notiert).

Heute ist alles im Speicher. Selbst schon mitbekommen, dass das 
Smartphone komplett bei Mitreisenden ausfiel. Mangels wissen und 
notieren der Nummer, konnte diese dann nicht einmal mehr zu Hause 
anrufen. Keiner konnten dieser Person im Zug helfen, weil diese 
natürlich auch nicht im Telefonbuch stehen wollte.
#6919175
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Stefan ⛄ F. schrieb:
> Da habe ich eine andere Erklärung im Gedächtnis. Die 1 und die 2 kann
> man notfalls durch antippen der Hörer-Gabel manuell wählen, mit der 0
> schafft man das kaum.

Das ging mit allen Ziffern, nach erzwungener Übung (Schloss in der 
Scheibe) auch relativ flott und genau.
Damals™ waren die Telefonnummern aber auch kürzer.
Angehängte Dateien:
(Firma: مهندس) #6919256
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Früher konnte ich >20 Telefonnummern auswendig, samt der wichtigsten 
Vorwahlen. Im Zeitalter elektronischer Speicher wird das Gedächtnis 
etwas müder (oder man trainiert sein Gedächtnis anderweitig, was man tun 
sollte).

Wählen durch Anklopfen der Gabel ging bei Wählscheibentelefonen mit 
etwas Übung ganz gut, auch die Null. Und das auch bei Telefonen mit 
Schloß.

Ich habe noch ein Telefon aus den 60ern und eine passende Fritzbox. Wenn 
ich Besuch habe, ist es ein Spaß das vorzuführen. Vielen aus der 
Handygeneration muß man erstmal erklären wie man wählt.
#6919276
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In dem österreichischen Lied "Schnucki, ach Schnucki" ist die 
entschleunigte Kommunikation von früher in folgenden Zeilen deutlich 
gemacht.

Eine Indianersquaw, die von einem feurigen Liebhaber bedrängt wird, 
droht:

"Du willst mich wirklich martern?
Das sag ich meinem Vatern.
Wenn ich dem schreib nach Idaho,
dann ist er nächste Wochen scho do.
Als Häuptling der Comantschen
wird er dir eine pantschen.
Das kann ich wirklich nicht riskiern,
drum lass ich mich verführn:"

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