StefanK schrieb:
Na wenn das so ist, dann verbessern wir sie mal:
Du hast also ein Spezialfall-Szenario konstruiert, in dem ein bereits vorhandener, sehr sparsamer Flex-Fuel-Verbrenner mit fast ausschließlich sehr CO2-armem G2-Ethanol gegen ein BEV mit relativ CO2-intensivem aktuellem deutschem Strommix verglichen wird.
In genau diesem Szenario kann der Verbrenner beim Betrieb tatsächlich ähnlich gut oder sogar etwas besser abschneiden, da muss ich dir absolut Recht geben!
Du hast aber einen Best-Case für E85 geschaffen, der weder fair für BEV noch realistisch ist.
StefanK schrieb:
nehmen wir an, dass Bio-Ethanol nicht aus Lebensmitteln, sondern aus
Bioabfällen hergestellt wird (G2).
Wieder eine Annahme, die nicht realistisch ist. Natürlich ist das möglich und wünschenswert, aber die Menge an geeigneter nachhaltiger Biomasse ist begrenzt.
Und die Biomasse wird auch an anderen Stellen benötigt und kann nicht zu 100% in die E85-Produktion fließen.
Das BEV benötigt dagegen pro Kilometer wesentlich weniger Primärenergie. Selbst wenn beide beim CO2 zufällig bei 60g/km liegen, ist damit noch nicht gesagt oder gezeigt, dass beide Lösungen gleich ressourceneffizient oder skalierbar sind.
Du hast nicht beliebig viel Biomasse zur Verfügung, die du zu "CO2 neutralem" E85 umwandeln kannst. Du bist in der realen Welt auf andere Quellen angewiesen.
StefanK schrieb:
nehmen wir an, dass das THG bzw. CO2 Equivalent 0,7 kg pro kg Ethanol
beträgt, wenn man die Emissionen am Ende der Lebensdauer mit einbezieht
(und das ist eine sehr schlechte Annahme).
Wollen wir noch einmal E85 und BEV im Vergleich bei NOx, CO, Kohlenwasserstoffe, Aldehyde, Schmieröl und Kraftstofflogistik anschauen? CO2 ist ja nicht das einzige, was die Umwelt belastet.
StefanK schrieb:
Seine Herstellungs-CO2-Bilanz verbessert sich mit jedem km, das es
genutzt wird.
Das ist ein Trugschluss. Die Herstellungsbilanz ist immer identisch, egal, auf wie viele Kilometer du diesen verteilst. Und die gleiche Logik gilt übrigens auch für ein BEV und ist kein Vorteil eines Verbrenners.
StefanK schrieb:
Die Herstellung einer kWh Strom verursache 430 g CO2.
Du rechnest mit einem relativ hohen deutschen Stromfaktor von ~430 g/kWh. Dieser sinkt allerdings laufend. Das UBA lag 2025 bereits bei 344 g CO₂/kWh direkt, und die ICCT kommt mit dem projizierten EU-Strommix 2025–2044 inklusive Fahrzeug- und Batterieherstellung auf 63 g CO2/km (Quelle 1, Quelle 2)
StefanK schrieb:
Dann rechne Du doch mal vor. Bislang liegt in diesem Beispiel E85
deutlich vorn.
Es wäre natürlich sehr leicht, ein super effizientes BEV mit einem alten Verbrenner zu vergleichen, um das BEV besser da stehen zu lassen, aber ich bin ja an neutralen und fairen Vergleichen interessiert.
Ich vergleiche mal VW Golf 1.5 TSI gegen VW ID.3: beide Kompaktklasse, ähnliche Nutzung, ähnliche Außenmaße.
Der aktuelle Golf liegt je nach Variante bei etwa 5,2–5,9 l/100 km, der ID.3 bei etwa 15,2–16,7 kWh/100 km WLTP (Quelle 1, Quelle 2).
- Golf auf Benzinbasis: 5,6 l/100 km
- Umgerechnet auf E85 grob 7,3 l/100 km
- ID.3: 16,0 kWh/100 km
- E85 = 85% Ethanol + 15% Benzin
- Ethanol-Dichte ungefähr 0,79 kg/l
- für das G2-Ethanol übernehme ich deine günstige Annahme von 0,7 kg CO2/kg Ethanol
- für Benzin nehme ich den Well-to-Wheel-Wert. Die EU verwendet als fossilen Referenzwert für Kraftstoffe 94g CO2/MJ (Quelle).
1. E85-Verbrenner, nur Nutzungsphase
7,3l E85/100 km enthalten:
Ethanol:
7,3 x 0,85 = 6,205l Ethanol
6,205 x 0,79 = 4,90kg Ethanol
4,90 x 0,7 = 3,43 kg CO2/100 km
also: 34,3 g CO2/km
Benzinanteil:
7,3 x 0,15 = 1,095 l Benzin
Ein Liter Benzin enthält ungefähr 32 MJ. Mit dem EU-Wert von 94g CO2/MJ:
1,095 x 32 x 94 = 3,29 kg CO2/100 km
also: 32,9 g/km
Zusammen: E85: etwa 67g CO2/km im Betrieb
Unter besten Bedingungen. Deine 62g/km liegen ja auch in der Nähe.
2. BEV, heutiger Strom
Beim ID.3: 16 kWh/100 km.
Nehmen wir deinen relativ hohen Stromfaktor von 430 g CO2/kWh, ergibt sich:
16 x 430 = 6,88kg CO2/100 km
also: 68,8 g CO2/km
Damit liegen dein idealisiertes G2-E85 und ein BEV mit einem konstant hohen 430g-Strommix im reinen Betrieb tatsächlich nahezu gleichauf!
3. Realistischer Stromfaktor
Die 430g/kWh sind sehr konservativ und heute schon ein viel zu hoher Wert.
Wenn wir mal die ICCT-Analyse verwenden, nehmen wir 63g CO2/km über den kompletten Lebenszyklus in der Zukunft an. Der komplette Zyklus, Herstellung, Betrieb, Wartung, End-of-Life,...
4. Herstellungs-Emissionen beim E85-Wagen
Wenn wir wirklich Lebenszyklus gegen Lebenszyklus vergleichen wollen, braucht auch der E85-Golf seine Herstellungsemissionen.
Die oben genannte ICCT-Analyse kommt bei einem BEV auf etwa 40% höhere Produktionsemissionen als beim Verbrenner, hauptsächlich wegen der Batterie, die nach etwa 17.000 km kompensiert ist.
Eine grobe illustrative Größenordnung wäre beispielsweise:
- ICE-Fahrzeugproduktion etwa 6t CO2
- BEV etwa 8 bis 9t CO2
Bei 240.000km Lebensdauer entsprechen allein 6t:
6.000kg / 240.000km = 25g/km
Für unser super optimistisches G2-E85-Fahrzeug ergäbe das dann ungefähr:
67g/km Betrieb
- 25g/km Fahrzeugproduktion
= etwa 92g CO2/km für den kompletten Lebenszyklus
Dem steht gegenüber:
BEV laut aktueller ICCT-LCA: 63g/km komplett.
Dann liegt das BEV ungefähr 30% darunter.
Und vor allem: E85 ist hier bereits einen Best Case mit 0,7 kg CO2/kg Ethanol.
Wenn man mit ungünstigeren Werten oder gar einem Benziner rechnet, ändert sich das schnell.
E85, G2, nur Kraftstoffbetrieb: 67g/km
BEV, 16 kWh/100 km, konstant 430g/kWh: 69g/km
E85, G2 + Fahrzeugherstellung: 90g/km
BEV, komplette aktuelle EU-LCA: 63g/km
Benziner, komplette aktuelle EU-LCA: 235 g/km
Der Haken an deinem Beispiel: Beim BEV setzt du einen konstant hohen heutigen Strommix über die gesamte Lebensdauer an, beim Ethanol gleichzeitig einen sehr günstigen G2-Best-Case.
Die aktuelle ICCT-LCA berücksichtigt dagegen den erwarteten EU-Strommix 2025–2044 und kommt beim BEV auf 63g CO2/km inklusive Fahrzeug- und Batterieproduktion. Beim E85 müssten zu den etwa 67g/km dagegen noch die Herstellung des Verbrennerfahrzeugs addiert werden. grob landet man dann um 90g/km.
Deine Aussage "Mit jedem Kilometer verbessert sich die Bilanz" ist meiner Ansicht nach ein Argument, das bereits vorhandene Auto weiter zu fahren und kein alleiniger Vorteil eines Verbrenners.
Dein Beispiel zeigt also schon, dass E85 klimatisch interessant sein kann. Es zeigt aber nicht, dass E85 bei gleichen Lebenszyklusgrenzen vor einem heutigen BEV liegt.
Und natürlich ist es auch sinnvoll, einen bereits vorhandenen Verbrenner weiter zu fahren und jetzt nicht alle Verbrenner zu verschrotten und durch frisch gebaute BEV zu ersetzen. Darum geht es auch niemandem. Aber eines Tages wirst du ein neues Auto brauchen und genau dann brauchst du einen fairen Vergleich zwischen aktuellem Verbrenner und aktuellem BEV. Und da wird BEV immer im Vorteil sein.