Man darf nicht den Fehler machen zu glauben, nur weil Deutschland und die Niederlande so eng bei einander liegen und ähnliche Wurzeln haben (mal den ersten Satz der niederländischen Hymne angucken), die Länder seien ähnlich organisiert.
Die Wirtschafts-, Steuer- und Sozialsystemstrukturen sind sehr unterschiedlich zu den deutschen, ebenso wie die Einstellung und Erwartungen der Bevölkerung. Man muss das als ganzes sehen und darf nicht neidisch Einzelpunkte rausgreifen. Auch darf man nicht glauben, dass sich niederländische Verhältnisse einfach so mit deutschem Anspruchsdenken vereinbaren ließen. So setzt das niederländische Gesundheitssystem auf Eigenverantwortung, es wird dort deutlich weniger Krankenkassengeld ausgegeben, erst mal greift die Selbstbeteiligung. Der Krankenkassenbeitrag ist einkommensunabhängig und es gibt keine beitragsfreie Mitversicherung. Menschen die aus anderen Industriestaaten in die Niederlande ziehen sind vom Gesundheitssystem regelmäßig überrascht. Es wird kaum etwas verschrieben und es ist kaum möglich zum Facharzt zu kommen, die gibt es ohnehin nur im Krankenhaus. Wer wirklich schwer krank ins Krankenhaus kommt, bleibt dort nicht lange.
Auch das Steuersystem ist gänzlich anders, etwa die laufende KFZ-Steuer ist viel höher als in Deutschland und provinzabhängig, umso höher je dichter besiedelt. Zudem gibt es Umwelt und Luxussteuer (heißt anders, ist aber faktisch eine solche) beim Autokauf. Ausländische Firmen sind in NL nur dann gern gesehen, wenn sie Geld bringen, nicht wenn sie Geld kosten. So wären technisch logische europäische Standorte für moderne CMOS Fabriken in der Nähe von Veldhoven, dicht bei den Lithographieexperten von ASML. Aber die Niederlande kämen nicht auf die Idee ausländischen Firmen die halben Investitionskosten zu bezahlen wie es Deutschland macht, damit die Strukturschwachen nicht so jammern.
Der größte Unterschied zwischen den Ländern ist denn auch, dass die Niederlande sich in den letzten 34 Jahren erfolgreich ohne Rücksicht auf Bremsklötze entwickeln konnten, während Kohl meinte den Osten als Stimmvieh für die nächste Wahl zu benötigen. Statt die DDR sich in einer Zweistaatenlösung weiter nach eigenen Wünschen und Fähigkeiten und mit eigener Währung selbst frei entwickeln zu lassen und das Geld im Westen innovativ für das eigene Volk ausgeben zu können, wird es nun für integrationsverweigernde Kulturbereicherer welche sich als Krone der Schöpfung sehen, aber außer ihren Orden nichts putzen oder stolz 485 ohne Masse anschließen, ausgegeben. Dazu noch die Linksgrünversifften in Westdeutschland, die meinten man müsse eine FDJ Sekretärin jetzt doch auch mal die Richtlinien der Politik bestimmen lassen. Eine Last, die den Niederlanden erspart geblieben ist und ihre Wirtschafts- und Wohlstandsentwicklung nicht behindert hat. Das es in Deutschland dazu kommen konnte ist aber letztlich die historische Folge deutscher Großmannssucht, unter denen auch die Niederlande einst zu leiden hatten.
Das ist denn wohl der Kernpunkt: Die Zusammensetzung und sozialisationsbedingte Mentalität der Bevölkerung ist deutlich anders. Zwar gibt es auch in NL einen Nahostkonflikt, im Westen wird der Wohlstand des ganzen Landes erwirtschaftet, im Osten wird zerstört und gejammert, aber letztlich wissen sie, welche Hand sie füttert. Über alles gesehen herrscht Konsenskultur, der Umgang miteinander ist besser. Das Scheitern der Regierungskoalition vor ein paar Wochen lief beispielsweise ohne Schlammschlacht ab, in Deutschland undenkbar. Im Verkehr wird viel mehr Rücksicht genommen, auf Vorfahrt wird zu Gunsten Schwächerer gern verzichtet. Auch der noch (kommissarische) Premierminister, Mitglied der spöttisch Autopartei genannten VVD, fährt zwischen den verschiedenen Dienstorten in Den Haag mit dem Rad. Die Einführung des Tempolimits tagsüber von 130 auf 100 ging ohne Widersprüche, wo Vertreter einer deutschen Wirtschaftspartei direkt einen Mangel an Schildern sehen würden. Und weil alle mithelfen statt unkonstruktiv zu sein, gibt es eben eine super Verkehrsinfrastruktur (getrennte Radwege, Straßen in gutem Zustand, Autobahnen mit elektronischen Schildern für jede Spur alle 500 bis 700 m welche nächtliche Mäharbeiten am Mittelstreifen sehr einfach umsetzbar machen). Und ja, das Problem mit Brücken über hundert Meter tiefe Täler hat man in den Niederlanden nicht. Es reichen meist standardisierte Brücken.
Die Wertschätzung der Menschen für die Leistungen des jeweils anderen ist übrigens gegenseitig. Die Niederländer schätzen zum Beispiel deutsche Technologie und Ausführungsqualität. Man könnte viel voneinander lernen, aber in Deutschland wären nicht alle dazu bereit, denn es würde Einsatz fordern, Ansprüche zu stellen reicht nicht.
Eine Anmerkung noch für alle, die sich über den Radweg lustig gemacht haben: Das war mehr Kunstprojekt als Ingenieurprojekt. Die Niederlande sind entwickelt genug um zu wissen, dass ein Radweg nicht der beste Ort für Solarzellen ist. Pop-up Kunst im öffentlichen Raum ist in NL weit verbreitet, sie verschwindet auch schnell wieder. Das gilt übrigens nicht nur für Kunst, auch sonst werden Bauwerke schnell wieder abgerissen und ersetzt, wenn sie nicht mehr zeitgemäß sind.