Forum: Offtopic maximale Datenrate unserer Nervenbahnen?


von Korbi G. (Firma: Möhrchenzucht) (korbinian_g53)


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Hallo,

weiß jemand, welche Baudrate so ein Strang von Axiomen schafft, sodass 
das Ergebnis vom Hirn in was brauchbares umgerechnet werden kann?

Nehmen wir als Beispiel die Augen. Da geht ein sehr kleiner Nerv 
(Durchmesser ist der blinde Fleck) zu unserem Gehirn. Ohne Kompression 
gehen da mit 24 fps Auflösungen durch, die jeden Monitor alt aussehen 
lassen.

Gibt es noch leistungsfähigere Beispiele? Wie dockt man an solche 
Hochleistungsbündel sinnvoll Implantate an? Im Ohr geht es noch, weil 
man recht viel Fläche hat (Cochlea-Implantat) oder die Datenrate einem 
Audiosignal entspricht (Hirnstammimplantat), aber wie klappt bzw. soll 
das beim Auge klappen?

Beschäftigt sich vielleicht jemand damit?

Ich trage selbst CI und würde mich über Antworten freuen.

von Wolfgang R. (Firma: www.wolfgangrobel.de) (mikemcbike)


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Die Nerven sind extrem langsam im Vergleich zu Datenleitungen, dafür 
sind es tausende bis zu Millionen parallel.

https://de.wikipedia.org/wiki/Nervenleitgeschwindigkeit

von Michael K. (aemkai)


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Das kann man m.M.n. so nicht vergleichen, da die Funktionprinzipien 
komplett unterschiedlich sind.

Da es sich bei Nervenleitung um elektrochemische Prozesse (mit von 
vielen Variablen abhängigen Regenerationszeiten etc.) handelt, ist die 
"Signalverarbeitung" im Menschen nicht wie in der Technik getaktet (von 
Synchronität zu schweigen).

Zum Anderen ist eher unbekannt, ob es ein analoges oder digitales System 
ist. Für beide Varianten gibt es Vertreter, aber wie so oft: Nichts 
Genaues weiß man nicht.

Weitere Aspekte sind, dass die "Hardware" im Menschen adaptiv ist, sich 
also von alleine auf spezielle Aufgaben anpassen kann, ein Resultat 
davon ist, dass im Mensch mit extremer, aber auch variabler Parallelität 
transportiert und verarbeitet wird, so dass die "Datenrate" letztendlich 
kaum aussagekräftig wäre.

von Marek N. (Gast)


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Hinzukommt, dass der Übertragungskanal nicht "gedächtnisfrei" ist, siehe 
Phantomschmerz.

von P. M. (o-o)


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Wollte mich ähnlich äussern wie Michael K.: Es ist in vielerlei Hinsicht 
völlig unbekannt, wie das neuronale System Daten überträgt. Vermutlich 
ist es sogar so, dass es sehr verschiedene Mechanismen gibt. Eine 
Datenrate lässt sich also nicht einfach so angeben.

Am ehesten könnte man sie errechnen, indem man z.B. beim Ohr die 
Bandbreite und Auflösung untersucht und daraus die technisch notwendige 
Datenrate ermittelt.

von Joachim B. (jar)


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P. M. schrieb:
> Eine
> Datenrate lässt sich also nicht einfach so angeben.

ausserdem gibt es Muskelgedächnis welches trainiert schon ohne Zutun vom 
Gehirn funktioniert, das verkürzt Wege und erhöht die Reaktiion. 
Autofahrer wissen das, vermutlich auch viele Sportler oder alle.

Korbinian G. schrieb:
> Nehmen wir als Beispiel die Augen.

Ist aber ein schwaches Beispiel, kein Bild ohne Gehirn, das entsteht 
erst dort, deswegen ist es müssig über Farben absolut zu reden, jeder 
sieht die anders, es können nur Vergleiche mit Tabellen zur parallelen 
Ansicht erfolgen nie aus dem Gedächnis.

von Michael B. (laberkopp)


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Korbinian G. schrieb:
> weiß jemand, welche Baudrate so ein Strang von Axiomen schafft

Meinst du nicht vielleicht Axon ?

Die Feuerungsrate eines Neurons liegt bei bis zu 120 Impulsen pro 
Sekunde.

Das entspricht aber keine Baudrate, weil ähnlich wie Frequenz ist die 
Intensität in der Anzahl der Impulse pro Sekunde (bzw. deren zeitlichen 
Abstand) codiert, sondern eher eine Reaktionszeit.

Klassische Sensoren, z.B. das Ohr, trennen physikalisch nach Frequenz 
und haben je Frequenz mehrere Sinneszellen, die bei unterschiedlicher 
(steigender) Laustärke mit ihrer eigenen Frequenz zu feuern anfangen: 
Daher sind auf dem für diese Frequenz zuständigen Axon bei höherer 
Lautstärke mehr Impulse pro Sekunde, zeitlich unregelmässig. Da es aber 
um elektrochemische Potential geht, richtet sich das eine Neuron mit 
seinem Feuer schon nach dem (abklingenden) Zustand des Axons, es kommen 
also nicht zwei zugleich.

von Arc N. (arc)


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Korbinian G. schrieb:
> Hallo,
>
> weiß jemand, welche Baudrate so ein Strang von Axiomen schafft, sodass
> das Ergebnis vom Hirn in was brauchbares umgerechnet werden kann?
>
> Nehmen wir als Beispiel die Augen. Da geht ein sehr kleiner Nerv
> (Durchmesser ist der blinde Fleck) zu unserem Gehirn. Ohne Kompression
> gehen da mit 24 fps Auflösungen durch, die jeden Monitor alt aussehen
> lassen.

Noch nicht mal ansatzweise... da findet schon vor der Übertragung eine 
massive Komprimierung (Vorverarbeitung) statt, so dass nur noch ~10 
Megabit/s über den Sehnerv übertragen werden. 
http://www.uphs.upenn.edu/news/News_Releases/jul06/retinput.htm

Michael K. schrieb:
> Zum Anderen ist eher unbekannt, ob es ein analoges oder digitales System
> ist. Für beide Varianten gibt es Vertreter, aber wie so oft: Nichts
> Genaues weiß man nicht.

Wo soll da was analog funktionieren?
Neuronen feuern entweder oder sie tun es nicht. Die Rezeptoren bspw. auf 
der Zellmembran sind entweder "belegt"/beteiligt oder nicht usw.
https://en.wikipedia.org/wiki/Signal_transduction

von Joachim B. (jar)


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Arc N. schrieb:
> Wo soll da was analog funktionieren?
> Neuronen feuern entweder oder sie tun es nicht.

feuern die nicht verschieden stark? ich denke es ist analog.

von Arc N. (arc)


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Joachim B. schrieb:
> Arc N. schrieb:
>> Wo soll da was analog funktionieren?
>> Neuronen feuern entweder oder sie tun es nicht.
>
> feuern die nicht verschieden stark?

Unter feuern wird eigentlich nur ein Aktionspotential verstanden:
"The amplitude of an action potential is independent of the amount of 
current that produced it. In other words, larger currents do not create 
larger action potentials. Therefore, action potentials are said to be 
all-or-none signals, since either they occur fully or they do not occur 
at all."
https://en.wikipedia.org/wiki/Action_potential

Die Aktionspotentiale sind immer gleich, was unterschiedlich ist 
("feuern verschieden stark"), ist der sogenannte Spike Train, der 
zeitliche Verlauf der Aktionspotentiale.

von Joachim B. (jar)


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Arc N. schrieb:
> Die Aktionspotentiale sind immer gleich, was unterschiedlich ist
> ("feuern verschieden stark"), ist der sogenannte Spike Train, der
> zeitliche Verlauf der Aktionspotentiale.

also mir kommen leichte und starke Kopfschmerzen analog vor.

von Jemin K. (jkam)


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> weiß jemand, welche Baudrate so ein Strang von Axiomen schafft, sodass
> das Ergebnis vom Hirn in was brauchbares umgerechnet werden kann?

Die Dinger heißen Axone. Maximale Entladungsfrequenz liegt 
typischerweise im Bereich von 100 Hz. Die Information kann aber 
verschieden übertragen werden, das Hirn arbeitet nicht mit Binärcode. 
Das Verhältnis zweier Entladungen zueinander, die Entladungsrate, der 
Zeitpunkt der Entladung relativ zu einem Hintergrundrythmus, kann alles 
genutzt werden.


>
> Nehmen wir als Beispiel die Augen. Da geht ein sehr kleiner Nerv
> (Durchmesser ist der blinde Fleck) zu unserem Gehirn. Ohne Kompression
> gehen da mit 24 fps Auflösungen durch, die jeden Monitor alt aussehen
> lassen.

Nicht wirklich. Was von den Augen im Hirn ankommt liegt 
informationstheoretisch im Bereich von kBit/s:
https://www.researchgate.net/post/Estimates_of_quantified_human_sensory_system_throughput10


>
> Gibt es noch leistungsfähigere Beispiele? Wie dockt man an solche
> Hochleistungsbündel sinnvoll Implantate an? Im Ohr geht es noch, weil
> man recht viel Fläche hat (Cochlea-Implantat) oder die Datenrate einem
> Audiosignal entspricht (Hirnstammimplantat), aber wie klappt bzw. soll
> das beim Auge klappen?

Die Frage ist leider zu einfach gestellt, um sie zu beantworten. Es gibt 
ja auch kaum funktionierende Beispiele. Das große Problem ist aber 
weniger, genug Information ins Hirn zu bekommen, sondern vielmehr, zu 
verstehen, welche Information und wann das Gehirn überhaupt verwenden 
kann. Keiner weiß, wie die einzelnen Systeme im Detail funktionieren, 
jedenfalls nicht so gut, dass es eine Möglichkeit gäbe, das Hirn 
wirklich zu steuern. Was es gibt ist alles krude.
>
> Beschäftigt sich vielleicht jemand damit?
>

Ja, ich.

> Ich trage selbst CI und würde mich über Antworten freuen.
Das CI ist eines der ganz wenigen Erfolgreichen neuronalen Implantate. 
Und das liegt daran, dass in der Cochlea eine Art Fouriertransformation 
durchgeführt wird, bei der die Frequenzen eines Geräuschs Aktivität an 
verschiedenen Stellen der Basilarmembran auslösen. Und genau das nutzt 
man aus, um mit dem CI zu stimulieren. Es funktioniert aber deutlich 
schlechter, als man der Theorie nach erwarten würde, daher verstehen wir 
vermutlich schon die Funktion der ersten Station der Hörbahn nicht 
richtig.

Die Aufteilung von "Features" eines Reizes, also zB Frequenz auf 
räumlich getrennte Hirnbereiche, zieht sich durchs ganze Gehirn. Auch in 
höheren Verarbeitungsstationen gibt es zB Bereiche für hohe und niedrige 
Töne. Komischerweise kann man da aber nicht mehr stimulieren und damit 
sinnvolle Eindrücke erzielen. Wieso, weiß keiner. Vermutlich macht die 
Stimulation "zu viel" unspezifische Aktivität. Brain stem implants sind 
deshalb meist weniger erfolgreich als Cochlea-Implantate und im 
Hörcortex geht es gar nicht mehr. Es wird also noch einige Jahrzehnte 
dauern, bis sich das ändert. Im Moment gibt es aber einen sehr rapiden 
Fortschritt.

Weniger schlecht sieht es übrigens für das Auslesen von Nervenaktivität 
im Gehirn aus. Raus bekommt man sie recht gut. Das geht per EEG und zB 
auch Kernspintomographie. So ist es zB möglich, aus der Gehirnaktivität 
von Probanden den Film zu rekonstruieren, den sie gerade schauen. Also 
total verwaschen, aber im Prinzip geht es!

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