Forum: Offtopic Messung Wärmeausdehnung


von Astronom (Gast)


Lesenswert?

Hallo zusammen,

Ist Eurer Meinung, mit Amateur-Mitteln, eine Entferungsmessung im 
Bereich 0,8-1,5m z.B. mittels Laser, bei einer Auflösung von 0,01-0,02mm 
möglich?

Diese Entfernungsmessung muss nicht zwingend absolut sein, relativ würde 
reichen.

Oder Gedanken doch besser verwerfen ?

Danke für Input und Grüße,
Alex


Hintergrund:

Mein astronomisches Teleskop hat eine Fokustoleranz von 0,04 mm 
(abhängig vom Öffnungsverhältnis/Blende).
In den Fokus zu kommen, ist dank eines DIY-Projekts 
(Schrittmotorsteuerung über USB) möglich und es gibt verschiedene 
Scharfstellhilfen (Masken) die ein Erkennen des Fokuspunkts erleichern.

Jedoch dehnt bzw. zieht sich der Teleskop-Tubus (meisstens Stahlblech), 
wie jedes andere Material, bei Temperaturänderung zusammen.

Bei einer Tubuslänge von z.B. 1000 mm macht das bereits 0,06 mm bei 
einer Temperaturänderung von 5°C aus (und 5°C und mehr Temp.-Unterschied 
sind im Verlauf einer Nacht nichts).

Zu bedenken ist, dass die Fokustoleranz ja eine Zone ist, also je 0,02mm 
in beide Richtungen, was bedeutet, dass man in der Praxis durchaus 
bereits bei einer kleineren Abweichung außerhalb des Fokus sein kann.

Bei Langzeitbelichtungen, über mehrere Stunden, kann das also zum 
Problem werden, zumindest wenn es um knackscharfe Fotos gehen soll.
(natürlich knackscharf im Bereich dessen, was atmospärische Störungen, 
Teleskopqualität und Aufnahmetechnik zu lassen)

Die aktuelle Praxis ist, da der Ausdehnungskoeffizient des 
Tubusmaterials ja bekannt ist, mittels Ermittlung der 
Temperaturdifferenz den Fokus automatisiert nachzustellen.

Gibt es nicht die Möglichkeit via Entfernungsmessung die Längenänderung 
zu ermitteln, beispielsweise mit einem Laser.

Verschiedene Verfahren (z.B. Zeitmessung) fallen natürlich per se aus 
und das ganze sollte über ein, händelbares DIY-Projekt nicht 
hinausgehen, jedoch mit höherer Genauigkeit und weniger Störeinfluss als 
die Temperaturmessung.

von Johann L. (gjlayde) Benutzerseite


Lesenswert?

Anstatt die Länge(nänderung) in Abhängigkeit von der Temperatur zu 
messen, könntest du die Temperatur messen und die Länge modellieren, 
d.h.

Falls die Temperatrur als statisch betrachtet werden kann sollte das 
einfacher sein als die kleinen Längenänderungen zu messen.

Problem bereiten dann rasche Temperaturänderungen, weil der Tubus sich 
ungleichmäßig erwärmt und damit ausdehnt.

von Harald W. (wilhelms)


Lesenswert?

Astronom schrieb:

> Ist Eurer Meinung, eine Entferungsmessung im
> Bereich 0,8-1,5m z.B. mittels Laser, bei einer Auflösung von 0,01-0,02mm
> möglich?

Mit einem Interferometer ist sowas durchaus mit einer Auflösung
von 0,1nm möglich. Für eine genaue Messung muss die Lichtgeschwin-
digkeit allerdings mit Hilfe der Edlen-Formel errechnet werden.
Mit Amateurmitteln kann man aber ein solches Interferometer
nicht bauen. Ein einfaches Interferometer, weches nur ganze
Streifen misst, sollte aber nicht ganz so schwierig sein.

von Stefan M. (derwisch)


Lesenswert?

Kann man nicht den Tubus mit einem Heizkabel umwickeln und nach aussen 
hin thermisch isolieren?

Ich würde zumindest eher versuchen, die Tubustemperatur konstant zu 
halten.
Das ist elektronisch und mechanisch einfacher.
Man braucht allerdings immer eine Stromquelle...

von Alex W. (astronom)


Lesenswert?

Danke für die Rückmeldungen.

Johann L. schrieb:
> Anstatt die Länge(nänderung) in Abhängigkeit von der Temperatur zu
> messen, könntest du die Temperatur messen und die Länge modellieren,
> d.h.

Wenn ich Dich richtig verstehe, ist das ja das Verfahren, was jetzt 
bereits angewendet wird.

Harald W. schrieb:
> Mit einem Interferometer ist sowas durchaus mit einer Auflösung
> von 0,1nm möglich.

Daran habe ich auch schon gedacht, aber des Aufwands wegen verworfen. 
Habe ein ganz klein wenig Erfahrung mit I-Metern, da diese in der 
Astronomie zur Qualitätsbeurteilung von Spiegeln eingesetzt werden.

Das ganze "Gerödel" (Strahlteiler, Spiegel und Empfindlichkeit bei 
Erschütterungen oder Luftschlieren) ist für einen Ausseneinsatz jedoch 
nicht anwendbar.

Stefan M. schrieb:
> Kann man nicht den Tubus mit einem Heizkabel umwickeln und nach aussen
> hin thermisch isolieren?

Sehr guter Vorschlag und wird auch praktiziert, vor allem bei 
Linsenteleskopen. Bei einem, wie in meinem Falle, Spiegel 
(Newton-)Teleskopen würde dabei jedoch die Abbildungsleistung leiden, da 
keine homogene Luftschicht bzw. Luftbewegung im Tubus zustande kommen 
kann, durch die Temp-Differenz Aussenluft <> Tubus. In einem 
geschlossenen System (Linsenteleskop) ist das natürlich kein Problem und 
wird, wie gesagt angewendet.

Ich habe über das Thema (noch) nicht so viel gefunden. Aber ist die 
Messung der Phasenverschiebung eine Möglichkeit? In welcher Modulation 
der Laserstrahl ausgesendet wird, kann man m.E. doch recht genau, auch 
mit einfachen Mittel, beeinflussen oder?

von Timm T. (Gast)


Lesenswert?

Alex W. schrieb:
> Aber ist die
> Messung der Phasenverschiebung eine Möglichkeit?

Rechne es doch mal durch: Meßauflösung / Lichtgeschwindigkeit

20µm / 300000000m/s = 0.07ps

Jetzt mußt Du nur noch einen Dummen finden, der Dir die 70fs auflöst.

Doch lieber das Interferometer und Hell/Dunkel-Wechsel zählen? Sowas 
wird auch in der Industrie zur Längenmessung eingesetzt. Das muß also 
auch robust gehen.

von Alex W. (astronom)


Lesenswert?

By the way...
habe gerade eine Ausarbeitung der Uni Erlangen mit dem Thema 
"Interferometrische Bestimmung des linearen thermischen 
Ausdehnungskoeffizienten" gefunden...
:-)

Bin mal gespannt.

von Purzel H. (hacky)


Lesenswert?

Es waer glaub einfacher, das Eisenrohr in die Tonne zu kloppen und ein 
Gestaenge aus Invar oder so bauen. Da kann man dann Pappe drum wickeln

von Matthias S. (Firma: matzetronics) (mschoeldgen)


Lesenswert?

Kann man sich da für gemessene Temperaturen nicht einmal eine Tabelle 
machen und in den Fokuscontroller programmieren?

von Alex W. (astronom)


Lesenswert?

Erstmal danke für die rege Teilnahme und unterschiedlichen, 
interessanten Lösungsansätze. Sehr aktives Forum hier :-)

Siebzehn F. schrieb:
> Es waer glaub einfacher, das Eisenrohr in die Tonne zu kloppen und ein
> Gestaenge aus Invar oder so bauen

Invar ist mir bekannt, jedoch kostet ein D200mm / L 1000mm Rohr 1.980€ 
(+ Mwst. ).

Dafür bekommt man auch eine -50°C unter Umgebungstemp. gekühlte Mono-CCD 
Kamera für Astroaufnahmen oder noch besser, ein neues, obere 
Mittelklasse-Teleskop :-)

Matthias S. schrieb:
> Kann man sich da für gemessene Temperaturen nicht einmal eine Tabelle
> machen und in den Fokuscontroller programmieren?

Das mache ich aktuell. Im Steuerprogramm des Schrittmotors (Robofocus) 
kann man diese Werte hinlegen bzw. aus Test übernehmen.

Das Verfahren via Temp.-Messung ist Quasi-Standard unter 
Hobby-Astronomen,
mir ging eingangs erstmal um die (theo.) Machbarkeit einer solchen 
Distanzmessung bei normalem, vertretbarem Ressourcen-Einsatz (auch wenn 
das, je nach Möglichkeiten, ein weit gefasster Bereich sein kann) :-)

Mit anderen Worten, könnte eine solche Distanzmessung (sofern sie 
möglich ist) und sie eine entsprechend bessere Genauigkeit liefert, eine 
Konkurrenz zur, mit recht einfachen Mitteln zu realisierenden, 
Temo.-Messung sein?

Aber wie ich aus den bisherigen Antworten entnehme, ist die Antwort eher 
nein, womit meine Frage prinzipiell beantwortet ist.

Grüße,
Alex

von Kai S. (kai1986)


Lesenswert?

Alex W. schrieb:
> Invar ist mir bekannt, jedoch kostet ein D200mm / L 1000mm Rohr 1.980€
> (+ Mwst. ).

Mit Faserkunststoffverbundwerkstoffen kann man Bauteile konstruieren, 
die einen thermische Längendehnung von 0 haben. Mit Kohlefaser (CFK) 
geht sowas recht gut für ein Rohr, da dazu lediglich die Fasern im 
passenden Winkel geklebt werden müssen. Sowas lässt sich mit Hausmitteln 
machen und kostet deutlich weniger weil bei Fertig-CFK-Teilen ein 
Großteil des Preises in der Handarbeit liegt.

Gruß Kai

von Purzel H. (hacky)


Lesenswert?

Es waere denkbar fuer ein Budget einiges groesser wie ein Invar Rohr, 
eine aktive Struktur zu bauen, die mittels Interferometrie konstante 
Groesse behaelt. Im Prinzip genuegt ein Rohr aus Buechsenblech, und ein 
paar Piezos. Mit den Piezos haelt man die Ausdehnng bei Null, ohne 
effektiv die Groesse zu kennen.
Theoretisch, vorausgesetzt Vibrationen verunmoeglichen die 
Interferometrie nicht.

von Da D. (dieter)


Lesenswert?

Alex W. schrieb:
> könnte eine solche Distanzmessung (sofern sie
> möglich ist) und sie eine entsprechend bessere Genauigkeit liefert,

Wie gut oder schlecht funktioniert denn die Methode mit der 
Temperaturmessung?

von Dieter W. (dds5)


Lesenswert?

Besteht denn die Möglichkeit, die Länge mit bspw. 3 Rundstäben aus Invar 
zu bewerkstelligen und ein D200 Rohr aus beliebigem Material an den 
Enden elastisch abzuschließen?

von Pandur S. (jetztnicht)


Lesenswert?

>Wie gut oder schlecht funktioniert denn die Methode mit der
Temperaturmessung?

Temperaturmessung ist immer so eine Sache. Erst mal ist die 
Temperaturverteilung nicht homogen. Dann muss man sicherstellen, dass 
man auch wirklich das misst, was man messen will. Mit etwas Glueck misst 
man den Sensor, aber noch nicht das was man will.

Egal, man kann ja ein paar durchgaenge machen. Also temperieren, und mit 
einem aktuator scharf stellen. Allenfalls die Lage veraendern, 
temperieren und scharf stellen. Wenn man das ein paar mal macht, und 
dabei Aktuatoren und Temperatur aufzeichnet sollte man einen fuer 
Zwischenwerte einen Fit machen koennen
Fuer diesen Ansatz muessen die Aktuatoren allerding absolut sein.

Bitte melde dich an um einen Beitrag zu schreiben. Anmeldung ist kostenlos und dauert nur eine Minute.
Bestehender Account
Schon ein Account bei Google/GoogleMail? Keine Anmeldung erforderlich!
Mit Google-Account einloggen
Noch kein Account? Hier anmelden.