Forum: Offtopic An die Linguisten.


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von Stephan S. (plonk)


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Hallo,

zu vorgerückter Stunde denke ich etwas über eine Frage nach, die mich 
schon länger interessiert...
Und zwar ist mir schon immer aufgefallen, dass es manche Menschen gibt, 
die beim Erlernen neuer Sprachen bestimmte Laute/deren Kombinationen 
schwer oder gar nicht reproduzieren können und dass es wiederum solche 
gibt, die es ohne Mühe schaffen (vom "Erlernen" mal ganz abgesehen). Als 
Beispiel #1 der Anlaut "j" im Hochchinesischen wie in 今. Hier kenne ich 
Menschen von überall auf der Welt, da klingt es eher rustikal wie in 
"Django" und geht anscheinend nicht anders.
Anderes Beispiel, #2: "Krüger". Letztens bin ich auf eine Website 
gestoßen, wo ein Amerikaner behauptet hat, das "Kr" sei schon schwer 
genug, aber mit dem darauffolgenden "ü" für ihn unmöglich auszusprechen.
Beispiel #3 habe ich heute beim Kantonesisch-Lernen entdeckt. Der Laut 
"ng" wie in 我 scheint wohl etwas zu sein, was nicht alle beherrschen.

Das waren so Dinge, die mir am meisten aufgefallen sind - da gibt es 
noch einen Haufen mehr. Jetzt die Preisfrage: kommt es nur mir so vor, 
oder gibt es tatsächlich Sprachen mit ihren Eigenheiten, die das 
Erlernen oder "Kopieren" anderer Aussprachen erleichtern bzw. 
erschweren? Oder hängt das letztendlich doch nur von der einzelnen 
Person ab?

MfG und eine gute Nacht allen Aufgebliebenen!

von A. S. (achs)


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Ein Baby kann jede Aussprache perfekt, abgesehen von persönlichen 
Beeinträchtigungen.

Erwachsene können nur die Wendungen ihrer Muttersprache(n) gut bzw 
brauchen für Neue viel Übung, also auch für 100km weiter innerhalb 
Deutschlands.

von Walta S. (walta)


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Der Mensch lernt als Baby genau die Laute die er in seiner Sprache 
braucht. Und kann diese dann auch perfekt, hat ja ein paar Jahre täglich 
intensiv geübt. Wenn du jetzt eine neue Sprache und neue Laute lernen 
willst, dann musst du wieder ganz von vorne Anfangen. Geht schon, 
braucht halt ebenfalls viel Übung.

walta

von Rufus Τ. F. (rufus) (Moderator) Benutzerseite


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Stephan S. schrieb:
> gibt es tatsächlich Sprachen mit ihren Eigenheiten, die das Erlernen
> oder "Kopieren" anderer Aussprachen erleichtern bzw. erschweren?

Es kommt auf den Ausgangspunkt an, bzw. darauf, wie verwandt die 
Zielsprache mit der Muttersprache des erlernenden ist.

Dazu kommt natürlich noch die Sprachbegabung, und die Fähigkeit, sich 
mit seiner Aussprache an andere anzupassen.

Wer als Norddeutscher in der Lage ist, Bayerisch so nachzuahmen, daß es 
nicht sofort als Nachahmung auffällt, der hat potentiell bessere 
Chancen, eine ihm vom Aussprachesystem her fremde Sprache zu erlernen 
als jemand, bei dem auch nach 30 Jahren Leben in München immer noch nach 
dem ersten Wort der norddeutsche Stimmklang zu erkennen ist.

von (prx) A. K. (prx)


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Eine frühe Version der maschinellen Sprache ist die Phonemsythese. 
Phoneme sind die Grundlaute einer Sprache. Aneinandergereiht, quasi wie 
Buchstaben, kann man so verständliche Sprache erzeugen, ohne auf Samples 
von Worten zurückgreifen zu müssen.

Nebeneffekt: Wenn man die deutsche Sprache auf Basis von amerikanischen 
Phonemen aufbaut, entsteht automatisch ein amerikanischer Akzent. Wenn 
man daraus schliesst, dass der Spracherwerb in jüngsten Jahren sowohl 
die Wahrnehmung als auch die Erzeugung dieser Phoneme im Hirn trainiert, 
dann liegt man sicherlich nicht ganz falsch. Irgendwann in der Kindheit 
ist diese Phase dann aber abgelaufen.

Die Kunst, Fremdsprachen akzentfrei zu lernen, besteht dann nicht nur 
darin, die Sprache exakt richtig zu produzieren, sondern auch, subtile 
Unterschiede überhaupt wahrnehmen zu können. Denn auch die Details der 
Wahrnehmung werden beim Spracherwerb trainiert. Das kann auch dazu 
führen, dass man jene Leute als bessere Fremdsprachler betrachtet, die 
aus der eigenen Sprache kommen. Weil sie die gleichen schwer 
wahrnehmbare Fehler machen wie man selbst.

: Bearbeitet durch User
von (prx) A. K. (prx)


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Stephan S. schrieb:
> Anderes Beispiel, #2: "Krüger". Letztens bin ich auf eine Website
> gestoßen, wo ein Amerikaner behauptet hat, das "Kr" sei schon schwer
> genug, aber mit dem darauffolgenden "ü" für ihn unmöglich auszusprechen.

Ich habe das mal bei einer Japanerin erlebt, die es sehr schwer fand, 
das Wort "Münster" auszusprechen, ohne daraus ein "Miünster" zu machen. 
Drüber nachgedacht und selbst ausprobiert fand ich eine mögliche 
Erklärung: Während der Laut "m" ziemlich unabhängig von der 
Zungenstellung ist, ist "ü" stark davon abhängig. Verwendet man in der 
eigenen Sprache also eine andere Zungenstellung für "m" als im 
Deutschen, kann der fehlerfreie Übergang zum "ü" schwierig werden.

von Dumdi D. (dumdidum)


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Falls Du nicht aus Südddeutschland kommst, wie sieht Dein Zungenspitzen 
'R' aus?

Es hat vermutlich auch mit der Unterrichtsform zu tun. Man müsste halt 
auf die ungewöhnlichen Laute in ein paar Privatstunden auf Logopädischer 
Grundlage lernen.
Das macht aber (fast) keiner.

von (prx) A. K. (prx)


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Stephan S. schrieb:
> Oder hängt das letztendlich doch nur von der einzelnen
> Person ab?

Auch. Das "r" ist so ein Ding, noch dazu der Unterschied zwischen der 
englischen und amerikanischen Variante. Mancher Deutsche tut sich damit 
schwerer, anderen haben damit aus deutscher Sicht nicht so grosse 
Probleme.

Dazu kommt, das zumindest in eigener Erfahrung eine Art Umschaltung der 
Systeme stattfindet. Englische Worte im deutschen Sprachfluss ohne 
spürbarem Übergang gut auszusprechend fällt mir schwerer als im 
englischen Sprachfluss. Das gleiche englische Wort kann also mitten im 
Deutschen eingebettet einen stärker deutschen Akzent bekommen, als wenn 
es im Englischen eingebettet ist.

: Bearbeitet durch User
von Uhu U. (uhu)


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Genau wie es Grob- und Feinmotorker gibt, gibt es eben auch Grob- und 
Feinphonetiker...

von Uhu U. (uhu)


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A. K. schrieb:
> Ich habe das mal bei einer Japanerin erlebt, die es sehr schwer fand,
> das Wort "Münster" auszusprechen, ohne daraus ein "Miünster" zu machen.

Russischmuttersprachler tendieren dazu, in Worte wie "Glück" nach dem l 
ein j einzuschmuggeln. Man muss schon genau hinhören, um es zu merken, 
aber für mich ist das ein ziemlich untrügerisches Zeichen, wo ich den 
Sprecher einzuordnen habe.

von (prx) A. K. (prx)


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Dumdi D. schrieb:
> Es hat vermutlich auch mit der Unterrichtsform zu tun. Man müsste halt
> auf die ungewöhnlichen Laute in ein paar Privatstunden auf Logopädischer
> Grundlage lernen.

Eine Englischlehrerin vermittelte die Erkenntnis, das Schwäbische wäre 
dem Englischen sprachlich näher als das Hochdeutsche.

Allerdings war das lange vor Öttinger. ;-)

von Cyblord -. (Gast)


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Ich werfe mal das englische "th" ein und wie es von vielen Deutschen 
ausgesprochen wird, ...

von Rufus Τ. F. (rufus) (Moderator) Benutzerseite


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A. K. schrieb:
> Das "r" ist so ein Ding, noch dazu der Unterschied zwischen der
> englischen und amerikanischen Variante

Das ist der Unterschied zwischen "rhotic" und "non-rhotic". "Rhotic" ist 
in Schottland und weiten Teilen der USA zu finden, die meisten 
englischen Dialekte sind "non-rhotic", d.h. dort wird das "r" nicht 
gerollt.

https://en.wikipedia.org/wiki/Rhoticity_in_English

Abradolf L. schrieb:
> das englische "th" ein und wie es von vielen Deutschen ausgesprochen
> wird

Dem gesellt sich noch anderes hinzu:

"Ve vill see vat zat brings us."

von Route_66 H. (route_66)


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Hallo!
Manch einer kann seine eigene Muttersprache nicht richtig artikulieren.
Der Schlagersänger Roland Kaiser singt in seinem Lied "Santa Maria" 
immer "Sampta Maria". Glaubt ihr nicht? Schaut auf seine Lippen in einer 
Konzertübertragung.

von Rufus Τ. F. (rufus) (Moderator) Benutzerseite


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Und was hat "Santa Maria" mit der Muttersprache von Roland Kaiser zu 
tun? Und was die Phrasierung beim Singen mit dem Beherrschen der 
Muttersprache?

von Walta S. (walta)


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A. K. schrieb:
>
> Eine Englischlehrerin vermittelte die Erkenntnis, das Schwäbische wäre
> dem Englischen sprachlich näher als das Hochdeutsche.
>
Was ja kein Wunder ist, da ja die Englische Sprache ihre Wurzeln im 
Niederdeutschen hat.

walta

von (prx) A. K. (prx)


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Walta S. schrieb:
>> Eine Englischlehrerin vermittelte die Erkenntnis, das Schwäbische wäre
>> dem Englischen sprachlich näher als das Hochdeutsche.
>>
> Was ja kein Wunder ist, da ja die Englische Sprache ihre Wurzeln im
> Niederdeutschen hat.

Es mag ja sein, dass mittlerweile Horden von Schwaben nach Berlin 
auswandern, aber dass sie in niederdeutsch geprägten Gefilden in 
grösserer Zahl vorzufinden sind, wäre mir neu. ;-)

von Richard H. (richard_h27)


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A. K. schrieb:
> Es mag ja sein, dass mittlerweile Horden von Schwaben nach Berlin
> auswandern, aber dass sie in niederdeutsch geprägten Gefilden in
> grösserer Zahl vorzufinden sind, wäre mir neu. ;-)

Schwaben sind wegen übertriebenen Geiz abgeschobene Schotten.

von Dumdi D. (dumdidum)


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Das nächste Problem ist, das viele versuchen das auszusprechen, was 
vermeintlich geschrieben wird. Zur Verdeutlichung: iron wird eigentlich 
mit stummen 'r' gesprochen so wie ion. Sword wird ohne w gesprochen.
Im Japanischen wird zwischen l und r nicht unterschieden (es gibt kein 
l, das r wird jedoch als l ausgesprochen).

von Uhu U. (uhu)


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Dumdi D. schrieb:
> iron wird eigentlich mit stummen 'r' gesprochen so wie ion.
> Sword wird ohne w gesprochen.

Das sind aber eher die Untiefen der Orthographie...

von (prx) A. K. (prx)


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Dumdi D. schrieb:
> Das nächste Problem ist, das viele versuchen das auszusprechen, was
> vermeintlich geschrieben wird. Zur Verdeutlichung: iron wird eigentlich
> mit stummen 'r' gesprochen so wie ion. Sword wird ohne w gesprochen.

Das ist allerdings eine völlig andere Baustelle. Das hat nichts mit 
Un/Möglichkeit von Lautbildung zu tun, sondern ausschliesslich mit dem 
Erlernen der Aussprache einzelner Wörter.

> Im Japanischen wird zwischen l und r nicht unterschieden (es gibt kein
> l, das r wird jedoch als l ausgesprochen).

Mir kam das "r" im Namen ihres Sohnemanns Sora nicht wie "l" rüber. Eher 
wie eine Variante von "r".

Um diese Problematik wirklich zu verstehen, muss man wahrscheinlich 
Portugiesisch beherrschen. Vorzugsweise das von vor einen halben 
Jahrtausend. Denn portugiesische Jesuiten hatten damals die erste 
lautschriftliche Übertragung definiert. Der Rest Europas hat sich daran 
orientiert. Wenn ein japanischer Laut nicht genau passte, suchte man 
sich eben einen aus der eigenen Sprache aus, der am nächsten liegt. Was 
in anderen europäischen Sprachen mit wieder anderen Lauten für den 
gleichen Buchstaben etwas in die Irre führen kann.

: Bearbeitet durch User
von Christoph db1uq K. (christoph_kessler)


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Ich höre mir gern Konrad Beikirchers TV-"Vorlesungen" zum rheinischen 
Dialekt an, als gebürtiger Südtiroler und nach Jahrzehnten in Bonn hat 
er interessante Theorien. Ein Beispielwort "Situation", das im 
Rheinischen viel flüssiger über die Zunge geht.
Auch schön seine grammatikalische Form der "Absichtserklärung in der 
Vergangenheit" ...wollte ich diese Woche noch erledigt haben...

von Rufus Τ. F. (rufus) (Moderator) Benutzerseite


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Dumdi D. schrieb:
> iron wird eigentlich mit stummen 'r' gesprochen

In nicht-rhotischen Gefilden, siehe 
https://en.wikipedia.org/wiki/Rhoticity_in_English

Der Unterschied ist klein, aber vorhanden:

ˈaɪən (en) vs. ˈaɪɚn (us)

Der kleine Schnörkel ist das hier:

https://en.wikipedia.org/wiki/R-colored_vowel

: Bearbeitet durch Moderator
von Sinus T. (micha_micha)


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Hier: https://www.youtube.com/watch?v=irpjwXpa4xU erklärt der bekannte 
MIT-Prof Walter Lewin, der selbst Holländer ist, die Aussprache von 
"Huygens". "Wer die Laute korrekt aussprechen kann, muss Holländer 
sein".
Die "Lektion" beginnt bei 15:43

von Matthias S. (da_user)


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Interessant finde ich eigentlich, dass (Opern-)Sänger oftmals in ihnen 
total unbekannten Sprachen absolut Dialektfrei singen können.
M.W. lernen die das nicht über die normale Schrift, sondern über eine 
spezielle Lautsprache.

von Yalu X. (yalu) (Moderator)


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Ich bin weder Linguist noch ein Sprachgenie, das Problem ist aber ein
ganz allgemeines, das nicht nur bei der Aussprache in Fremdsprachen
besteht:

Dem Menschen (vor allem dem erwachsenen) fällt es grundsätzlich schwer,
für einen ungewohnten Bewegungsablauf mehrere unterschiedliche Muskeln
präzise, unabhängig voneinander und in einer schnellen, und trotzdem
zeitlich korrekten Abfolge zu aktuieren.

Im Laufe des Lebens werden komplexe Bewegungsabläufe vom Gehirn
dahingehend optimiert, dass sie zu einer Art "parametrierbarer Makros"
zusammengefasst werden. Dadurch rückt die Aktuierung einzelner Muskeln
aus dem Bewusstsein, stattdessen werden "High-Level-Befehle" wie

  "gehe vorwärts"

oder

  "greife die Tasse vom Tisch"

generiert. Diese werden zwar vor ihrer Ausführung ebenfalls vom Gehirn
in Einzelbewegungen zerlegt, dies geschieht aber in einer tieferen
Hirnebene außerhalb unseres Bewusstseins.

Diese Vorgehensweise hat den Vorteil, dass der entscheidungstreffende
Teil des Gehirns entlastet wird, so dass wir bspw. während des Gehens
simultan noch weitere Aktionen mit den Händen ausführen oder über Dinge
nachdenken können, die mit der eigentlichen Bewegung gar nichts zu tun
haben.

Der Nachteil besteht aber darin, dass dadurch die Unabhängigkeit von
Einzelbewegungen z.T. stark eingeschränkt ist. So fällt es den meisten
Menschen schwer, mit der rechten Hand etwas anderes zu tun als mit der
linken, weil die meisten Tätigkeiten, für denen beide Hände benötigt
werden (bspw. das Hochheben einer großen Kiste vom Boden), symmetrischer
Natur sind. Entsprechend sind die Bewegungen der beiden Hände mehr oder
weniger miteinander gekoppelt, so dass für das Gehirn nur noch etwas
mehr als der halbe Steuerungsaufwand anfällt.

Um dies nachzuvollziehen, versuche man einmal Folgendes:

Man bewege dies Spitze des Zeigefingers der ausgestreckten linken Hand
ständig in einem kleinen Kreis, während die rechte Hand zunächst ruht.
Nun balle man die rechte Hand plötzlich zur Faust. Was macht der linke
Zeigefinger? Oder man bewegt die rechte Hand zügig nach links (nach
rechts, oben, unten). Was macht die linke? Bei den meisten Leuten wird
die linke Hand die Bewegung der rechten in gespiegelter Form imitieren.

Solche Kopplungen von Bewegungen sind in einigen Sportarten sowie beim
Spielen einiger Musikinstrumente extrem hinderlich, weswegen sie dort
gezielt wegtrainiert werden. Das kann aber beim Erwachsenen, bei dem
sich die gewohnten Bewegungsmuster schon gefestigt haben, Monate, wenn
nicht Jahre dauern. Danach können neue Makros entstehen, so dass bspw.
beim Spiel auf einem Streichinstrument die Koordination von linker und
rechter Hand trotz der völlig verschiedenen Bewegungen automatisch und
unbwusst geschieht und der Kopf dadurch für weitere Aufgaben (bspw. das
Notenlesen und die Artikulation) frei wird.

Auch Sprechen ist eine äußerst komplexe Bewegung, bei denen u.a. die
Zunge und der Unterkiefer mit jeweils mehreren Bewegungsfreiheitsgraden,
aber auch die Atmung und noch ein paar andere Körperfunktionen beteiligt
sind. Auch hier bilden sich mit der Zeit Makros (fertig programmierte
Bewegungsabläufe) aus, die jeweils bestimmten Lauten oder Abfolgen von
Lauten zugeordnet sind. Denn nur auf diese Weise ist schnelles Sprechen
bei simultaner Generierung grammatikalisch richtiger Sätze mit dem
gewünschten Inhalt durch das Gehirn überhaupt möglich.

Diese "Makro-Bibliothek" ist aber zunächst nur auf die Muttersprache
abgestimmt. Versucht man, in einer anderen (ungewohnten) Sprache zu
sprechen, helfen einem diese Makros nicht mehr, und man ist wegen der
oben beschriebenen Kopplung von Bewegungen (Zunge und Unterkiefer lassen
sich nicht völlig unabhängig voneinander aktuieren) nicht einmal in der
Lage, die Lautfolgen aus Einzelbewegungen zusammenzusetzen. Also
versucht man, sie mit den bereits programmierten Bewegungsmustern durch
Änderung von ein paar Parametern zu realisieren, was dann zu dem
berüchtigten Akzent führt, der oft unabhängig von der gesprochenen
Fremdsprache sofort die Herkunft eines Sprechers erraten lässt.

Auch hier kommt man i.Allg. nur durch gezieltes Training weiter. Dieses
kann bspw. damit beginnen, sich die erforderlichen Bewegungsabläufe im
Detail überhaupt erst einmal bewusst zu machen. Darüberhinaus ist aber
auch sehr viel Üben und Anhören von "Referenzsprechern" wichtig, was am
leichtesten durch einen längeren Auslandsaufenthalt bewerkstelligt
werden kann. Aber selbst damit gelingt es nur den allerwenigsten, ihren
Akzent vollständig abzulegen.

Bekannte von mir leben schon seit langem in den USA, sprechen aber
trotzdem (noch) nicht akzentfrei Englisch. Dafür weist abere ihr Deutsch
inzwischen einen deutlichen amerikanischen Akzent auf, was sich ziemlich
lustig anhört.

Ich glaube, der Mensch ist einfach nicht dafür geschaffen, mehr als eine
Sprache perfekt zu sprechen. Wenn man mal ganz ehrlich ist, ist das aber
auch nicht so unheimlich wichtig, solange man sich trotzdem sinnvoll mit
Leuten anderer Nationalität verständigen kann.

von Rufus Τ. F. (rufus) (Moderator) Benutzerseite


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So viele sind das ja nicht.

Einen Überblick über die Sprachenverteilung von Opern gewinnt man hier:

https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Oper_nach_Sprache

Den Angaben dort zufolge ist die Rangliste 
Italienisch-Deutsch-Französisch-Englisch-Russisch.

Berücksichtigt man zusätzlich die Aufführungshäufigkeit, verschiebt sich 
der Focus auf noch weniger Sprachen.

von (prx) A. K. (prx)


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Yalu X. schrieb:
> Ich glaube, der Mensch ist einfach nicht dafür geschaffen, mehr als eine
> Sprache perfekt zu sprechen.

Jedenfalls nicht, wenn die wichtigste Phase des Spracherwerbs der 
Muttersprache durch ist. Das ist bekannt. Bei von Anfang an 
gleichermassen mehrsprachig Aufwachsenden kann das schon funktionieren.

In diesem Zusammenhang interessant:
https://en.wikipedia.org/wiki/Second_language#Effect_of_age

: Bearbeitet durch User
von Uhu U. (uhu)


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Yalu X. schrieb:
> So fällt es den meisten Menschen schwer, mit der rechten Hand etwas
> anderes zu tun als mit der linken,

Das ist eine steile These... Wie kann z.B. jemand mit diesem Handicap 
SMD-Teile einlöten?

Also ich kann das, ohne extra trainieren zu müssen, wobei Pinzette 
rechts und Lötkolben links fast so gut geht, wie andersrum.

> Auch Sprechen ist eine äußerst komplexe Bewegung, bei denen u.a. die
> Zunge und der Unterkiefer mit jeweils mehreren Bewegungsfreiheitsgraden,
> aber auch die Atmung und noch ein paar andere Körperfunktionen beteiligt
> sind.

Das ist wohl wahr, nur fängt das Problem schon früher an: beim Hören des 
Vorbildes. Wenn das nicht richtig klappt, oder das Vorbild selbst 
radebrecht, dann kann das nichts werden.

von Yalu X. (yalu) (Moderator)


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Matthias S. schrieb:
> Interessant finde ich eigentlich, dass (Opern-)Sänger oftmals in ihnen
> total unbekannten Sprachen absolut Dialektfrei singen können.

Du meinst wahrscheinlich nicht dialekt- sonder akzentfrei, denn einen
Dialekt kann man leichter ablegen, zumal die Sänger ja den fertig
ausformulierte Text auf Papier haben.

Die Opernsänger haben ja sowieso einen Akzent, ich nennen ihn mal den
"Opernakzent", bei dem bspw. unabhängig von der Sprache das "R" sehr
stark gerollt wird. Dadurch und auch durch die Überlagerung des Texts
mit einer Melodie rückt der fremdsprachliche Akzent des Sängers stark in
den Hintergrund

Wo dieser Opernakzent keine Anwendung findet, bspw. in der Rock-, Pop-
und Schlagermusik, wird i.Allg. auch der eigentliche Akzent des Sängers
deutlicher.

Oder wer würde beim Anhören eines Songs von DJ Bobo ihn nicht sofort als
Schweizer identifizieren?

> M.W. lernen die das nicht über die normale Schrift, sondern über eine
> spezielle Lautsprache.

Wie die das tun, weiß ich auch nicht. Aber ein wesentlicher Punkt beim
Einüben einer italienischen Arie dürfte wohl das Anhören italienischer
"Referenz-"Künstler sein, denn der Mensch lernt viel durch Nachahmung.

von Yalu X. (yalu) (Moderator)


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Uhu U. schrieb:
> Yalu X. schrieb:
>> So fällt es den meisten Menschen schwer, mit der rechten Hand etwas
>> anderes zu tun als mit der linken,
>
> Das ist eine steile These... Wie kann z.B. jemand mit diesem Handicap
> SMD-Teile einlöten?

Dort bewegst du die Hände nicht gleichzeitig, sondern nacheinander und
zudem nur langsam, was problemlos möglich ist. Beim Sprechen hört es
sich aber komisch an, wenn man Zunge und Unterkiefer immer nur
alternierend bewegt :)

Edit:

Trotzdem will auch SMD-Löten gelernt und geübt werden ;-)

: Bearbeitet durch Moderator
von (prx) A. K. (prx)


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Yalu X. schrieb:
> Du meinst wahrscheinlich nicht dialekt- sonder akzentfrei, denn einen
> Dialekt kann man leichter ablegen, zumal die Sänger ja den fertig
> ausformulierte Text auf Papier haben.

Dialekt- und akzentfrei sprechen zu können ist Teil des Sprachtrainings 
von Schauspielern. Es gibt zwar manche, die ein Hauch von Restakzept nie 
loswerden, aber viele sind im ganzen deutschen Sprachraum einsetzbar, 
ohne dass man die Herkunft raushört.

Es gibt aber andererseits auch Deutsche, die ihren Dialekt nie 
loswerden, überhaupt kein Hochdeutsch beherrschen. Nicht mal 
ansatzweise. Und welche, die automatisch und unterbrechungsfrei mehrere 
verschiedene Stufen von Sprachfärbung bis Dialekt verwenden, je nachdem, 
wen sie grad adressieren (Tochter von Obigem zu ihm, zu ihren Kindern, 
zum Rest).

: Bearbeitet durch User
von Thomas H. (thoho)


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Yalu X. schrieb:
> Oder man bewegt die rechte Hand zügig nach links (nach
> rechts, oben, unten). Was macht die linke? Bei den meisten Leuten wird
> die linke Hand die Bewegung der rechten in gespiegelter Form imitieren.

Das klappt bei manchen Menschen auch mit dem Schreiben.
Man nehme ein großes Blatt Papier und in jede Hand einen Stift.

Dann mit der Rechten (bei Rechtshändern) im Großformat Zahlen oder 
normale Handschrift schreiben.

Gruß Thomas

von A. S. (achs)


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A. K. schrieb:
> Irgendwann in der Kindheit ist diese Phase dann aber abgelaufen.

Diese Meinung stammt m.E. noch aus der Zeit, als man annahm, ein Gehirn 
sei irgendwann "ausgewachsen" oder "ausgeprägt" sei. Heute würde ich 
darauf keinen Pfifferling mehr wetten.

Wenn Du 6 Jahre kein Wort Deutsch mehr sprichst, und in einer fremden 
Familie in China oder Afrika integriert lebst, dann wirst Du deren 
Zungenschlag vermutlich auch komplett erlernen. Wenn es eine Blockade 
gibt, dann wohl eher im eigenen Bewusstsein.

Ein Rudi Carell (als Beispiel) sprach vor allem mit Akzent als 
Markenzeichen. Wie auch Bill Ramsey und Co.

Das Franke Sloothaak (als Beispiel) noch manchmal einen niederländischen 
Schlag hat, liegt vermutlich eher daran, dass er halt auch immer noch 
niederländisch spricht.

: Bearbeitet durch User
von Stephan S. (plonk)


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So viel Input, das muss ich erstmal alles durcharbeiten.
Wenn ich richtig lese, heißt das also tatsächlich, dass ein Teil der 
"Hindernisse" durch die Muttersprache vorgegeben wird. Und ein anderer 
dadurch, dass die gelernten Muster eben eingeprägt sind.
Dass es nach Jahren irgendwann "von selbst" geht, das bezweifle ich 
nicht - im Gegenteil, das sehe ich auch so. Nur der erste Schritt darin 
scheint bei manchen eben einfach zu sein, bei anderen nicht...
Mit der Sprachkombination Deutsch-Serbisch aufgewachsen sehe ich 
jedenfalls weniger die Schwierigkeiten in solchen Dingen. Gut möglich, 
dass ein Großteil der Laute eben schon "da ist". Jetzt müsste nur das 
Gedächtnis noch mitspielen und die Vokabeln auch behalten ;-(

MfG und vielen Dank für die zahlreichen Antworten

: Bearbeitet durch User
von Matthias S. (da_user)


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Rufus Τ. F. schrieb:
> So viele sind das ja nicht.
>
> Einen Überblick über die Sprachenverteilung von Opern gewinnt man hier:
>
> https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Oper_nach_Sprache
>
> Den Angaben dort zufolge ist die Rangliste
> Italienisch-Deutsch-Französisch-Englisch-Russisch.
>
> Berücksichtigt man zusätzlich die Aufführungshäufigkeit, verschiebt sich
> der Focus auf noch weniger Sprachen.

Naja, das ist ja relativ. Auch wenn eine Oper in einer total seltenen 
Sprache auf den Spielplan kommt, heißt es diese zu erlernen.

Yalu X. schrieb:
> Du meinst wahrscheinlich nicht dialekt- sonder akzentfrei

Stimmt, da hast du natürlich recht.

Yalu X. schrieb:
> Dadurch und auch durch die Überlagerung des Texts
> mit einer Melodie rückt der fremdsprachliche Akzent des Sängers stark in
> den Hintergrund

Hmm... Da kann ich aus Erfahrung sagen: Nein.
Habe schon einige OpernsängerInen gehört, die kein Akzentfreies, 
teilweise nur sehr schlechtes oder auch mal gar kein Deutsch sprechen, 
aber eine Deutsche Arie ohne mit der Wimper zu zucken problemlos 
runterrasseln. Hierbei aber teilw. gar keine Ahnung haben, was sie 
eigentlich singen.

Ich werde da wohl bei Gelegenheit mal nachfragen müssen.

von (prx) A. K. (prx)


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Matthias S. schrieb:
> Naja, das ist ja relativ. Auch wenn eine Oper in einer total seltenen
> Sprache auf den Spielplan kommt, heißt es diese zu erlernen.

In einer fremden Sprache zu singen heisst nicht, die Sprache zu 
verstehen. Genau das eine Lied singen zu können reicht. Bedeutung und 
Grammatik muss man dazu nicht kennen. Das ist m.W. nicht einmal selten.

> Habe schon einige OpernsängerInen gehört, die kein Akzentfreies,
> teilweise nur sehr schlechtes oder auch mal gar kein Deutsch sprechen,

Eben.

von J.-u. G. (juwe)


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Matthias S. schrieb:
> Habe schon einige OpernsängerInen gehört, die kein Akzentfreies,
> teilweise nur sehr schlechtes oder auch mal gar kein Deutsch sprechen,
> aber eine Deutsche Arie ohne mit der Wimper zu zucken problemlos
> runterrasseln. Hierbei aber teilw. gar keine Ahnung haben, was sie
> eigentlich singen.

Roger Whittaker ist zwar keine "OpernsängerIn", war aber auch gut darin, 
besser deutsch singen als sprechen zu können.

von S. R. (svenska)


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Um eine Fremdsprache ordentlich aussprechen zu können, muss man erstens 
in der Lage sein, die Unterschiede selbst wahrzunehmen, und dann auch 
noch reproduzieren zu können. Eine einigermaßen funktionierende 
Orthographie kann dabei helfen, ist aber im Zweifelsfall nicht vorhanden 
(https://en.wikipedia.org/wiki/Defective_script).

Die schwedischen Buchstaben 'u' und 'y' werden unterschiedlich 
ausgesprochen, aber beide Laute gibt es im Deutschen nicht. Stattdessen 
gibt es dort 'ü', was ziemlich genau dazwischen liegt (und im 
Schwedischen fehlt). Das heißt, dass man beide Laute erstmal 
grundsätzlich als 'ü' wahrnimmt und - fälschlich - auch so reproduziert.

In ostasiatischen Sprachen gibt es sowohl 'l' als auch 'r', aber eben 
nur eins davon. Dann kann der Chinese zwar das 'r' eindeutig 
aussprechen, aber eben kein 'l'.

Sind die Unterschiede klein und nicht (oder fast nie) bedeutungstragend, 
wird es noch schwieriger. Oft können selbst Muttersprachler dann nicht 
mehr genau sagen, was da jetzt anders klingt, nur dass da was anders 
klingt. Der schwedische tonale Akzept wäre da ein Beispiel.

von H-G S. (haenschen)


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Französisch ist krass - da muss man sich Laute merken die nichts mit dem 
Geschriebenen zu tun haben bzw. ein Laut mehr wie Buchstaben sind etc. 
:-)

von (prx) A. K. (prx)


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H-G S. schrieb:
> Französisch ist krass - da muss man sich Laute merken die nichts mit dem
> Geschriebenen zu tun haben bzw. ein Laut mehr wie Buchstaben sind etc.

Geschriebenes Französisch auszusprechen ist übern Daumen nicht so arg 
schwierig, auch wenn man die Worte nicht kennt. Leichter als Englisch, 
will mir scheinen.

Die umgekehrte Richtung allerdings, also gesprochenes Französisch zur 
Schriftform zu gerinnen, das ist ein Alptraum. Auch für die Franzosen 
selbst. Kenner mögen mal aufzählen, in wieviel Varianten sich ein 
endständiger "o" Laut darstellen lässt.

: Bearbeitet durch User
von A. S. (achs)


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J.-u. G. schrieb:
> Roger Whittaker ist zwar keine "OpernsängerIn", war aber auch gut darin,
> besser deutsch singen als sprechen zu können.

Der konnte gar kein Deutsch. Wenn ihm ein Lied vom Klang her gefiehl, 
dann ließ er es sich ins englische übersetzen.

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