Derletzt war ich ein paar Mal in den neuen Bundesländern unterwegs und
mir ist aufgefallen, dass es in Gebäuden oft einen mir nicht sehr
angenehmen Geruch hat. Und zwar erinnert dieser sehr stark an Pertinax,
d.h. Hartpapierplatinen, insbesondere in ihrer dunkleren Erscheinung. Im
Anhang ein Beipiel.
Wo kommt der Geruch her? Im Internet hab ich nichts gefunden. Als
"Geruch der DDR" wird ein Reinigungsmittel genannt, allerdings sind
Gerüche schwer zu beschreiben und ich kann mir nicht vorstellen dass es
das ist, insbesondere nach fast 30 Jahren.
Der Geruch ist teilweise schon recht stark. Ich dachte an Wandfarben
oder Klebstoffe, evtl. auf Teerbasis?
Schonmal Danke für Input!
Ich bin der (ausgesperrte) TE...
michael_ schrieb:> Wo kriechst du rum?> Bist du Entrümpler?
Weder noch :-)
Zuerst aufgefallen ist es mir in einem Büro, dann im Hotel in dem ich
genächtigt habe und schließlich in der Wohnung eines Kollegen. Im Hotel
wars auf dem Zimmer und im ganzen Flur. Jeweils schon länger nicht
renoviert.
Der Flur lässt drauf schließen, dass es nicht von irgendwelchem Hausrat
stammt, auch ist mir keine größere Menge Bakelit aufgefallen.
Ja, die Gerüche der Farben, Lacke und sonstiger Materialien waren in Ost
und West unterschiedlich, da andere Fabrikate.
Dem Ossi fällt also der Geruch eines Westhauses auf und umgekehrt.
Den Geruch, an den man seit der Kindheit gewöhnt ist, nimmt man dagegen
nicht mehr wahr.
Ich hatte kürzlich mal das Reinigungsmittel Cillit-Bang gekauft. Der
Geruch war dermaßen penetrant und unangenehm, daß ich die noch fast
volle Flasche weggeschmissen habe.
Das ist denke ich wirklich das Bohnerzeug für die Böden. Als
Elektroniker fällt einem das sofort auf, ich kenne hier auch noch heute
viele Ämter usw. wo das noch angewendet wird. War das nicht für diese
PVC Fußböden?
Als "Ossi" kennt man den Geruch und fühlt sich höchstens nostalgisch,
als "Wessi" kann man das sicher unangenehm finden.
Früher galt das als Zeichen von Sauberkeit, wenn es gebohnert war.
Technisch kenn ich keinen Grund. Gabs auch im Westen. Vielleicht für
Linoleum notwendig oder Weichmacher für's PVC?
Peter D. schrieb:> Den Geruch, an den man seit der Kindheit gewöhnt ist, nimmt man dagegen> nicht mehr wahr.
Das stimmt natürlich. Wobei der Geruch schon recht stark ist und
zumindest wenn man darauf achtet denke ich wird man das schon riechen,
ist ja auch nicht überall anzutreffen. Obs einen stört oder nicht ist ja
nochmal was Anderes.
Christian R. schrieb:>Als Elektroniker fällt einem das sofort auf,
Genau, der Geruch ist mir ja bekannt, aber eben im Zusammenhang mit
alten Platinen.
> Das ist denke ich wirklich das Bohnerzeug für die Böden.> [...] ich kenne hier auch noch heute> viele Ämter usw. wo das noch angewendet wird. War das nicht für diese> PVC Fußböden?
Im Hotel gabs nur Teppichböden, aber kann sein, dass darunter auch noch
alte PVC-Böden sind. Aber zumindest wurde nicht frisch gebohnert.
@Abdul K.: das Bohnern selbst kenn ich schon. Sinn ist wohl, dass der
Boden nicht matt wird und sich nicht Dreck sammelt wo der Abrieb höher
ist.
@J-A VdH: Im industriellen Bereich hätte ich gar nicht drüber
nachgedacht, irgendwelche Gerüche gibts ja immer.
Christian R. schrieb:> Das ist denke ich wirklich das Bohnerzeug für die Böden.
Zumindest bis weit in die 90er hinein wurde in Anlagen der Deutschen
Reichsbahn ein Bohnerwachs verwendet, das einen recht penetranten
Uringeruch quasi "ab Werk" mitlieferte.
Mit Phenolharzen, Pertinax o.ä. hätte ich diesen Geruch aber nicht in
Verbindung gebracht, und den Geruch hatte ich in den 80ern häufiger in
der Nase.
Bei Siemens wurde damals in der Ausbildung ein Labornetzteil gebaut (mit
dem vielsagenden Namen N2001), dessen Gehäuse zwei 4mm dicke
Pertinaxplatten als Seitenwände verwendete. Die mussten natürlich auf
Maß gebracht und mit vorschriftsmäßigen Rundungen versehen werden ...
Ich hätte ebenfalls auf Phenol getippt. Zumindest ist das für mich der
primär mit Hartpapierplatinen verbundene Geruch.
Gesund ist aber definitiv was anderes ;-)
Rufus Τ. F. schrieb:> dessen Gehäuse zwei 4mm dicke> Pertinaxplatten als Seitenwände verwendete. Die mussten natürlich auf> Maß gebracht und mit vorschriftsmäßigen Rundungen versehen werden ...
Ich kanns förmlich riechen...
Bei dem Geruch wird es sich um Wofasept handeln, ein Desinfektionsmittel
auf Chlorkresol-Basis, das in der ehemaligen DDR praktisch überall
eingesetzt wurde. Es setzte sich in Kunstoffoberflächen derartig fest,
dass es auch nach Jahrzehnten noch riechbar ist. Eine ähnliche Mischung
wurde bis in die 1970er auch im Westen als "Sagrotan" verkauft, dort
aber alsbald durch weniger geruchsintensive Substanzen ersetzt.
Interessanterweise wurde Ende der 80er Jahre von Conrad ein Platinen -
Ätzset vertrieben, das aus zwei Flaschen mit Ammoniumpersulfat und einer
Flasche Lötlack bestand. Da das Ganze sehr billig war, war es dazumal
bei Bastlern mit knappem Budget (Schüler/Studenten) sehr beliebt. Der
Lötlackflasche enströmte der gleiche Geruch, wie er mir wenige Jahre
später in der nun allgemein zugänglichen DDR in die Nase stieg. Die
Herkunft der Conrad-Ware war damit eindeutig bewiesen.
Alter F. schrieb:> Peter D. schrieb:>> Den Geruch, an den man seit der Kindheit gewöhnt ist, nimmt man dagegen>> nicht mehr wahr.> Das stimmt natürlich.
Nein, das stimmt nicht. Unsere Nase wird nur vorübergehend
unempfindlich, wenn Gerüche längere Zeit einwirken. Nach einer gewissen
Zeit der "Entwöhnung" nehmen wir den Geruch wieder wahr.
Sonst würde ich einen Trabbi heute nicht durch die halbe Stadt richen.
;-)
Was wir aber haben, ist ein Geruchsgedächtnis, welches Gerüche mit
anderen Eindrücken verbindet. Dementsprechend können wir sogar
Erinnerungen aus der Kindheit über Gerüche abrufen.
Rufus Τ. F. schrieb:> Bei Siemens wurde damals in der Ausbildung ein Labornetzteil gebaut (mit> dem vielsagenden Namen N2001), dessen Gehäuse zwei 4mm dicke> Pertinaxplatten als Seitenwände verwendete. Die mussten natürlich auf> Maß gebracht und mit vorschriftsmäßigen Rundungen versehen werden ...
Wir haben gestern von unserer Werkstadt eine Pertinax-Platte sägen
lassen damit wir sie in ein Gehäuse legen konnten. Dort haben wir dann
die Elektronik befestigt.
Als wir die Platte abgeholt habe strömte uns schon im Eingangsbereich
des Gebäudes dieser penetrante Geruch entgegen.
Es wurde nicht viel gesägt, nur zwei Seiten und 6 kleine 3mm Löcher.
Der Elektromeister der das für uns gemacht hat erzählte auch von einer
größeren Platte die er vor ein paar Jahren mal gesägt hat, da hat das
ganze Gebäude bis in die 4. Etage gestunken.
Ich nehme an dass dieses Phenol nicht besonders gesundheitsförderns ist.
Malte G. schrieb:> Es setzte sich in Kunstoffoberflächen derartig fest,> dass es auch nach Jahrzehnten noch riechbar ist.
Hier in der Uni gibt es einen Gang der ganz penetrant riecht, das wird
das Reinigungsmittel sein welches zwar schon lange nicht mehr genutzt
wird, aber dennoch irgendwie vorhanden ist.
Mike J. schrieb:> Der Elektromeister der das für uns gemacht hat erzählte auch von einer> größeren Platte die er vor ein paar Jahren mal gesägt hat, da hat das> ganze Gebäude bis in die 4. Etage gestunken.>
Wir haben früher ausschließlich Pertinax für die "Grundfläschen" von
Verteilungen benutzt und das auf einer Kreissäge mit fein verzahntem
Blatt geschnitten. Diese stand in einem extra Raum mit Zwangsbelüftung.
Anders wäre es nicht gegangen.
Für mich ist das der typische "E-Werkstatt-Geruch".
> Ich nehme an dass dieses Phenol nicht besonders gesundheitsförderns ist.
Hier stand schon einmal etwas darüber -von meinem Nachbarn. Ist aber
offenbar unerwünscht gewesen, da gelöscht.
Herbert
Herbert B. schrieb:> Hier stand schon einmal etwas darüber -von meinem Nachbarn. Ist aber> offenbar unerwünscht gewesen, da gelöscht.
Ich habe mich gerade über Wikipedia darüberinformiert, das Zeug ist ja
hoch toxisch.
Lass mich raten, dein Nachbar ist wegen dem Zeug verreckt?
Hilft es wenn ich über die Platte Farbe (ich würde weiß nehmen) sprühe?
Das Zeug dürfte dann nicht mehr so ausdünsten und es sicht auch nich
mehr aus wie von 1930.
Mike J. schrieb:> Ich habe mich gerade über Wikipedia darüberinformiert, das Zeug ist ja> hoch toxisch.
Es liegt ja nicht in Reinform vor, sondern als sog. Phenoplast. Wichtig
ist, daß man keine Stäube vom Sägen oder Bohren einatmet.
> Lass mich raten, dein Nachbar ist wegen dem Zeug verreckt?
Nein, der springt noch einigermaßen fit herum. Ich selbst auch.
Herbert