Die Sprache gilt beim Menschen als eine der stärksten Eigenschaften die eng mit unserer Intelligenz und Anpassungsfähigkeit verbunden ist. Ich finde es aber erstaunlich wie fehlerhaft und ungenau Kommunikation zwischen Menschen ablaufen kann. Egal ob man sich im Bereich banaler alltäglicher Themen unterhält oder anfängt über Wissenschaft und Philosophie zu reden. Immer wieder wird das gesagte nicht so verstanden wie es vom Sprecher gemeint ist. Gibt es eigentlich eine Wissenschaft der Missverständnisse? Ein Fachbuch mit empirischen Modellen darüber was die Faktoren für die Entstehung von Missverständnissen sind? So ein Buch wird bei vielen Lesern natürlich auch stellenweise oder grundlegend Missverständnisse auslösen. Wie soll man über die Mängel der Sprache schreiben oder reden wenn die Analyse selbst Opfer von Mängeln der Sprache wird? Zustände die bei Kommunikation auftreten können: - Im harmlosesten Fall wird das gesagte einfach nur nicht verstanden und der Zuhörer stellt weitere Fragen. - Wenn man etwas weniger Glück hat wird das gesagte negativ aufgefasst und es kann zu Irritationen oder Streit kommen. Selbst etwas das gezielt positiv gemeint war kann negativ aufgefasst werden. - Im besten Fall versteht jemand das gesagte genau so wie es gemeint war. Ist das aber überhaupt möglich oder ist es nur eine ausreichende Annäherung an die genauen Gedanken des Sprechers? - In einem anderen schönen Fall kann der Zuhörer aus dem gesagten mehr ableiten und verstehen als der Spreche meinte. Oder aber der Zuhörer versteht es in einem ganz anderen Zusammenhang und erlangt dadurch andere Erkenntnisse die der Sprecher nicht meinte und nicht wahrnahm. - Oder aber das gesagte wird einfach unvollständig richtig verstanden. Der Sprecher bekommt den Eindruck dass der Zuhörer versteht, während es aber nur unvollständig verstanden ist. Der Zuhörer kann teilweise Missverständnisse entwickeln die erst im weiteren Verlauf des Gesprächs für den Sprecher offenkundig werden. Oder der Sprecher merkt nie das sein Zuhörer ihn nie wirklich richtig verstanden hat. Sprecher und Zuhörer können also ein Gespräch führen von dem beide annehmen es sei erfolgreich verlaufen. Ein Höhepunkt der menschlichen Unfähigkeit? Und ich muss nun damit rechnen dass der Sinn meines Beitrags nicht oder falsch verstanden wird :D Worauf will ich hinaus? Auf welche nicht geäußerten Gedanken bauen die Sätze auf? Wurde manches unverständlich formuliert? Gibt genug Potenzial Irritation und Missverständnisse auszulösen. Und noch irritierender wird es wenn man die Fragestellung miteinbezieht ob der Mensch sich selbst missverstehen kann. Wenn dem nicht so wäre gäbe es sonst Menschen die andere Menschen auf logische und argumentative Mängel in ihren Aussagen hinweisen?
Atemis H. schrieb: > Ich finde es aber erstaunlich wie fehlerhaft und ungenau Kommunikation > zwischen Menschen ablaufen kann. Wieso sollte es der Kommunikation anders ergehen als den übrigen Beschäftigungen des Menschen? > Egal ob man sich im Bereich banaler alltäglicher Themen unterhält oder > anfängt über Wissenschaft und Philosophie zu reden. Immer wieder wird > das gesagte nicht so verstanden wie es vom Sprecher gemeint ist. Sprache bezieht immer den Kontext mit ein, in dem die Kommunikation stattfindet. In der Newsletter-Umfrage kommt ein Architekt vor, der isoliert betrachtet Häuser entwirft, im Mikrocontroller-Kontext aber Lösungen. Sofort gibts Missverständnisse. Nur ist der Umfang an Kontext, an Wissen, über den die Individuen verfügen, recht verschieden verstreut. Bei besagtem Architekten (und den übrigen dusseligen Übersetzungen) beispielsweise der Umfang der Kenntnisse in Englisch. > Gibt es eigentlich eine Wissenschaft der Missverständnisse? Sowas wie eine Wissenschaft einstürzender Gebäude oder abrauchender Schaltungen? ;-) Du könntest aber bei Linguistik vorbei schauen.
Atemis H. schrieb: > Sprecher und Zuhörer können also ein Gespräch führen von dem beide > annehmen es sei erfolgreich verlaufen. Ein Höhepunkt der menschlichen > Unfähigkeit? Die menschliche Sprache wurde auf direkte Kommunikation zwischen Individuen optimiert. Darin sind Tonfall und Körpersprache beider Seiten beteiligt. Oft sieht der Sprecher schon, ob er ankommt oder nicht. In schriftlicher Kommunikation ist das nicht der Fall, in telefonischer Kommunikation fehlt die Hälfte. > Und ich muss nun damit rechnen dass der Sinn meines Beitrags nicht oder > falsch verstanden wird :D Du kannst damit anfangen, sämtliche verwendeten Begriffe vorher zu definieren. Gehe ausserdem davon aus, dass nicht jeder mit einem scheinbar selbstverständlichen Begriff exakt das gleiche verbindet. Wenn du dann noch einen Leser findest, den du mit den zig Seiten langweiliger Vorarbeit nicht schon vergrault hast, dann klappt es bestimmt besser. ;-) Maschinell klappt das etwas besser. Die Begriffe sind entweder per Standard/Referenz definiert, oder in beschriebener Form genau erklärt und auf definierte Begriffe zurück geführt. Menschen gehst du damit kolossal auf die Nerven. Stark auf Sprache, auf die Bedeutung von Begriffen basierende Philosophen haben damit ihre Liebe Not.
A. K. schrieb: > Du kannst damit anfangen, sämtliche verwendeten Begriffe vorher zu > definieren. Gehe ausserdem davon aus, dass nicht jeder mit einem > scheinbar selbstverständlichen Begriff exakt das gleiche verbindet. Wenn es nur das wäre. Fachleute und Philosophen erfinden auch gerne neue Begriffe. Ganz neue Wörter oder aber bestehende Begriffe werden in ihrer Bedeutung entweder erweitert oder stark verändert. Wie viele wissen das Degeneration im Bezug auf die DNA nichts mit einer Beschädigung oder Rückbildung zu tun hat sondern beschreibt das mehrere sogenannte Codons für die selbe Aminosäure kodieren? Ich kenne mich nicht mit der Linguistik aus. Aber ein erster Blick zeigte mir schon dass es keine einheitliche Definition gibt. Es gibt abweichende und überschneidende Definitionen. Das ist aber nicht verwunderlich. Weil man Sprache im Grunde vielfältig kategorisieren kann. Abhängig davon wie viele Unterteilungen und Elemente man im eigenen Sprachmodell schafft entstehen unterschiedlich viele und teilweise überschneidende Definitionen.
Atemis H. schrieb: > Fachleute und Philosophen erfinden auch gerne neue Begriffe. "Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unsres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache." -- Ludwig Wittgenstein
Beitrag #5570599 wurde von einem Moderator gelöscht.
Eine kantonale Verwaltung in der Schweiz hatte mal vor vielen Jahren einen Kurs für höhere Beamte organisiert, worin das Verstehen trainiert werden sollte. Ein Freund von mir, der dort teilgenommen hatte, meinte dann hinterher, dass das objektive Verstehen sehr schwierig sei. Man tendiere immer wieder dazu das zu Verstehen, was man verstehen will.
Mehmet K. schrieb: > Man tendiere immer > wieder dazu das zu Verstehen, was man verstehen will. Will oder kann? Man kann nur das verstehen was man an Verständnismuster sich angeeignet hat und in einem Gespräch in Sekundenbruchteilen an neuem Verständnis entwickeln kann. Andernfalls wäre man allwissend. Ein Kohonennetz kann nur erlernte Muster aktivieren. Alle nicht erlernten Muster müssen erst durch ein Lernprozess neu repräsentiert und kategorisiert werden. So gesehen kann ein Mensch mit einem Missverständnis nichts dafür. Wir nehmen es ja auch einem primitiven Roboter oder Tier auch nicht übel wenn es auf bestimmte Aktionen/Inputmuster von uns nicht erwartungsgemäß zu reagieren weiß (abweichendes Sprachverständnis). Es liegt außerhalb der gegenwärtigen Fähigkeit des Individuums. Wenn man bedenkt dass in realen Gehirnen nicht einfach einzelne Muster abgefragt werden sondern regelrecht ein Orchester von Mustern in bestimmten Zusammenhängen wechselwirken, ist es kein Wunder das zwei räumlich getrennte Gehirne nur mit einer gewissen Fehlerrate bzw. asynchronen Kategorisierungen kommunizieren können. Das wäre im Grunde entwicklungsbedingt. Damit jeder sich perfekt versteht müsste jeder von Geburt an exakt die selben Erfahrungen machen und damit die selbe Kategorisierung der Welt im Gehirn abbilden. Jeder müsste also die selbe Person sein.
Folgenden Satz habe ich mal an einer Toilettentür in Tunesien gelesen: "Entre ce que je pense, ce que je veux dire, ce que je crois dire, ce que je dis, ce que vous voulez entendre, ce que vous entendez, ce que vous croyez en comprendre, ce que vous voulez comprendre, et ce que vous comprenez, il y a au moins neuf possibilités de ne pas se comprendre." ungefähr: Zwischen dem, was ich denke, dem, was ich sagen will, dem, was ich zu sagen glaube, dem, was ich sage, dem, was Du hören willst, dem, was Du hörst, dem, was Du zu verstehen glaubst, dem, was Du verstehen willst, und dem, was Du verstehst, sind mindestens neun Möglichkeiten des Mißverstehens."
Atemis H. schrieb: > Will oder kann? Man kann nur das verstehen was man an Verständnismuster > sich angeeignet hat und in einem Gespräch in Sekundenbruchteilen an > neuem Verständnis entwickeln kann. Andernfalls wäre man allwissend. > Bei manchen Zeitgenossen fragt man sich schon, ob sie nicht können wollen oder aber nicht wollen können. So habe ich es verschiedentlich erlebt, dass mir Diskussionsgegner nach recht kontroverser Debatte vehement entgegengetreten sind, nachdem ich ihnen partiell zugestimmt hatte. Im Nachhinein würde ich derartige Ereignisse nicht als Gedankenaustausch bezeichnen wollen.
Atemis H. schrieb: > Ein Fachbuch mit empirischen Modellen darüber was die Faktoren für die > Entstehung von Missverständnissen sind? > So ein Buch wird bei vielen Lesern natürlich auch stellenweise oder > grundlegend Missverständnisse auslösen. Es gibt eine Reihe von Büchern die dieses Thema zumindest anreißen.
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