Hallo,
aktuell beschäftige ich mich aus Interesse gerade mit der Norm IEC 61508
um für mein privates Projekt (Ansteuerung eines Aktors für einen kleinen
Roboter) ein paar Ideen für Sicherheitsfeatures und ähnliches zu
bekommen.
Ich frage mich ehrlich gesagt, warum zum Beispiel Lattice auf deren
Webseite mit manchen Produkten wirbt, die diese Norm unterstützen und in
den Datenblättern findet man nichts dazu.
https://www.latticesemi.com/en/Solutions/Solutions/SolutionsDetails01/FunctionalSafety
Zum Beispiel wird hier der MachXO2 genannt, im Datenblatt taucht nichts
zur funktionalen Sicherheit auf.
Die ICE40-Serie wird nicht mal erwähnt, wobei ich ehrlich gesagt nicht
verstehe, was an der ICE40-Serie unsicherer als an der MachXO2-Serie
sein soll.
Programmiert werden beide über das Lattice Diamond, das ja auch
angeblich IEC 61508 ermöglicht.
Wo liegt denn mein Denkfehler?
Viele Grüße
Stefan
Stefan schrieb:> Wo liegt denn mein Denkfehler?
Es hängt stark vom angedachten Einsatz und der Klassifizierung von
einzelnen Funktionen in Safety-Levels ab, ob die Norm erfüllt wird.
Dafür haftet aber der Inverkehrbringer des Produktes.
Du kannst dich also nicht darauf berufen, dass das auf der Webseite
steht, wenn da was passiert.
Absurdes Beispiel: Robotersoftware von einer Hinterhofklitsche
zusammengeklickt, den FPGA auf die Platine geworfen, aber an nix
angeschlossen, Personenschaden... Wer haftet in dem Fall?
mfg mf
PS. Im Automotive-Bereich nennt man das "Safety Element out of Context"
d.h. der Hersteller sichert dir zu, dass du damit potentiell ein
funktional sicheres System bauen kannst. Aber nur unter entsprechenden
Voraussetzungen. Zu deinem FPGA muss es auch ein "Safety-Manual" geben,
welches man als Normalo nicht von der Webseite herunterladen kann. Sinn
ist, dass der Hersteller wissen will, in welchen FuSa-relevanten
Produkten sein FPGA eingesetzt wird.
Stefan schrieb:> aktuell beschäftige ich mich aus Interesse gerade mit der Norm IEC 61508> um für mein privates Projekt (Ansteuerung eines Aktors für einen kleinen> Roboter) ein paar Ideen für Sicherheitsfeatures und ähnliches zu> bekommen.> Ich frage mich ehrlich gesagt, warum zum Beispiel Lattice auf deren> Webseite mit manchen Produkten wirbt, die diese Norm unterstützen und in> den Datenblättern findet man nichts dazu.>> Wo liegt denn mein Denkfehler?
Der Fehler liegt in der Bequemlichkeit Anstrengungen zur Erreichung der
funktionalen Sicherheit durch Auswahl einer bestimmten Baureihe
erreichen zu wollen und in der weitreichenden Unkenntnis, was die
Normschrift IEC 61508 überhaupt beinhaltet.
Die Norm 61508 betrachtet den gesamten Lebenszyklus des Systems und
damit auch die Rückverfolgbarkeit der einzelnen Komponenten auf die
jeweiligen Chargen. Wenn Xilinx beispielsweise Automotive FPGA's
anbietet, dann heisst das nicht, das sich diese technisch von den
Nicht-Automotiv FPGA's unterscheiden, sondern lediglich das diese
komplett rückverfolgbar sind und das sie einn speziellen
Automotive-Qualifizierungsprozess (Test) durchlaufen haben. Das
Unterscheidungsmerkmal liegt also im Bereich der Qualitätssicherung und
nicht im Engineering.
"Xilinx Automotive FPGA and CPLD product lines offer
automotive-qualified devices in a variety of densities, packages, and
extended temperature grades. All devices are pin-compatible with
commercial parts for full migration support and:
!!!!
tested using a robust qualification process that exceeds $(&4
requirements. Xilinx delivers continuous improvements to ensure
world-class quality and reliability"
!!!!
Da der Link zur Automotive Qualifizierungs-Richtlinie AEC_Q100:
http://www.aecouncil.com/Documents/AEC_Q100_Rev_G_Base_Document.pdf
Ziel dieser IEC 61508 ist es, Verfahrensweisen zu definieren, die es
erlauben, Produkte herzustellen, die nach dem aktuellen Stand der
Technik keine unverhältnismäßigen oder unvertretbaren Gefahren für
Anwender und Umwelt bedeuten.
Wenn Du also einen IEC 61508 qualifizierten FPGA einsetzt, heisst es
nicht das dieseS System fehlerärmer ist. Es heisst lediglich, dasdie
Ausfallwahrscheinlichkeit durch bestimmte Belastungen statistisch
geringer ist, weil sich die QS mit der Gütekontrolle mehr anstrengt. Das
kann aber auch nicht verhindern, das Du durch falsches Handling den
Baustein per ESD schädigst oder ein Ausfall-affines Design bastelst.
Stefan schrieb:> im Datenblatt taucht nichts zur funktionalen Sicherheit auf.
Vermutlich, weil es 1. das Verhalten des Bausteins nicht ändert und 2.
dieses Thema >99% der Anwender gar nicht interessiert.
Stefan schrieb:> Zum Beispiel wird hier der MachXO2 genannt, im Datenblatt taucht nichts> zur funktionalen Sicherheit auf.> Die ICE40-Serie wird nicht mal erwähnt, wobei ich ehrlich gesagt nicht> verstehe, was an der ICE40-Serie unsicherer als an der MachXO2-Serie> sein soll.
Wahrscheinlich denken sich die Jungs von Lattice: dieses ganze Test- und
vor allem Dokumentations-Gelecke tun wir uns nicht für jeden Baustein
an.
Fpgakuechle K. schrieb:> Produkte herzustellen, die nach dem aktuellen Stand der Technik> keine unverhältnismäßigen oder unvertretbaren Gefahren für Anwender> und Umwelt bedeuten.
Wobei mich im Grunde schon auch wundert, das im Automotive-Bereich alles
so sicher und überwacht sein muss, wenn hinterher ein Assistent auf dem
kognitiven Niveau eines 3-jährigen das Fahrzeug die Autobahn entlang
lenkt. Aber das ist ein anderes Thema...
> Wahrscheinlich denken sich die Jungs von Lattice: dieses ganze Test- und> vor allem Dokumentations-Gelecke tun wir uns nicht für jeden Baustein> an.
Genau, die ICE40 waren von Anfang an als absolute Billigheimer
konzipiert, erkenntlich daran, dass ein interner Flash fehlte und sie
damit eher in die Kategorie OTP fallen.