Forum: Platinen Norm für Handling von Baugruppen


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von Ralph T. (programinator)


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Moin,

ich habe gerade einen Kunden, der kein Gefühl für korrektes Handling von 
elektronischen Baugruppen hat. Das Biegen und Verwinden bei der Montage 
müssen sowohl Leiterplatte als auch Bauteule ohne Schaden überstehen 
können.

Nun stellt sich mir die Frage: Was ist korrektes Handling? Ich meine 
mich erinnern zu können, vor langer Zeit eine Ausarbeitung, Norm, ... 
gesehen zu haben, die genau das thematisiert. Da wurden die Klassiker 
wie Anheben an Elkos, das falsche Tragen bei großen und schweren 
Baugruppen, Tragen von Handschuhen, ESD-Schutzmaßnahmen usw. 
beschrieben.
Weder beim FED noch bei der IPC konnte ich jetzt eine entsprechende Norm 
finden. Kennt jemand etwas passendes und kann mir einen Tipp geben?

Vielen Dank für jede ernstgemeinte Hilfe

von Rüdiger B. (rbruns)


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von Thomas V. (thomas_v70)


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Hier ein Link zu einem PCB Hersteller. Die Grafik zeigt eine gute 
Übersicht.
https://www.pcbelec.com/ipc-standards-for-pcb-manufacturing-and-assembly.html

: Bearbeitet durch User
von Ralph T. (programinator)


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Vielen Dank für die Links. Beide verweisen auf Normen, die das Handling 
während der Fertigung definieren. Mich interessiert aber eine 
Definition, wie mit einer vollständig gefertigten Baugruppe umgegangen 
werden darf.

von Maik S. (yellowbird)


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Lass micht raten -> nicht im LH definiert nun suchen beide Seiten nach 
dem AadWP :)

Entweder gibt es im LH einen Passus zur Montage oder der Käufer muss die 
Dinger so einbauen, dass diese nicht beschädigt werden.

Habe hier noch nie erlebt, dass Montageschäden auf wirksam auf 
Lieferanten abgewälzt werden konnten, wenn es nicht vorher beschrieben 
war.

von Ralph T. (programinator)


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Maik S. schrieb:
> nicht im LH definiert nun suchen beide Seiten nach
> dem AadWP :)
In der Tat weder im Lasten- noch Pflichtenheft definert. Aber wie kann 
die Definition aussehen, wenn es keine Norm dazu gibt? Einfach nur auf 
einen sorgsamen Umgang hinweisen, reicht nicht aus und ist relativ.

von Maik S. (yellowbird)


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ja -

ich schreibe in solchen Fällen einen "Analysebericht" mit deutlichen 
Fotos von Beschädigungen, deklariere alles was offensichtlich 
nachträglich passiert ist als "Kundenverschulden" :)

Danach gebe ich Hinweise, wie mit den Produkten unserer (meiner) Meinung 
nach umzugehen ist um die Schäden zu verhindern oder biete an 
Produktänderungen zu prüfen, wenn der Kunde gewisse Punkte nicht 
sicherstellen kann.

Je nach Kunde wird sowas angenommen oder auch nicht...

Keine Ahnung, wie die Belastbarkeit von elektrischen Lötverbindungen 
definiert ist. Aber sowas führt mMn nie zu einer Lösung, weil man am 
Ende über Versuchsaufbauten / Meinungen diskutiert, aber selten einen 
realen Nachweis führen kann.

Wenn die Belastung beim Verbau "ausgehalten" werden muss, gibt es eine 
Simulation, habt ihr die Möglichkeit zur Prüfung eingefordert 
(Demonstrator) und sind die Arbeitsprozesse soweit beschrieben, dass 
eine Beschädigung ausgeschlossen wird ?

von Ralph T. (programinator)


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Maik S. schrieb:
> Danach gebe ich Hinweise, wie mit den Produkten unserer (meiner) Meinung
> nach umzugehen ist um die Schäden zu verhindern oder biete an
> Produktänderungen zu prüfen, wenn der Kunde gewisse Punkte nicht
> sicherstellen kann.

Gefällt mir! Wird bei uns auch gemacht und führt sehr oft zum Ziel.

Aktuell haben wir gar kein ernsthaftes Problem mit dem Kunden. Bei einem 
Prototypen ist ihm ein kleiner 0603 Kerko abgerissen. Da die Kappen noch 
im Lot stecken und der Kondensator fest unter der benachbarten Buchse 
steckte, gehen wir von einer gewissen Krafteinwirkung aus.
Das ansich ist gar kein Drama, kann passieren... Blöd ist nur, dass in 
unmittelbarer Nähe einige Dioden im SOD-323 Gehäuse mit abgefallen sind. 
Überrascht war der Kunde, wie gering der Kraftaufwand zum Abreißen der 
Dioden ist. Da reicht ein wenig Druck mit dem Fingernagel und die 
Biester springen über die Leiterplatte. Die Lötung ist korrekt und die 
Bauteile haben bei uns auf anderen Baugruppen auch schon die 
Rüttel-/Schütteltests für automotive Anfordeurng überstanden (und lassen 
sich ebenfalls leicht mit dem Fingernagel entfernen).
Ich hatte in einem Meeting fallen gelassen, dass bei der Montage der 
Baugruppe eine gewisse Vorsicht vonnöten ist und z.B. ein Biegen und 
Verwinden der Baugruppe schädlich sein kann. An dieser Stelle wäre ein 
Norm sehr hilfreich.

von Maik S. (yellowbird)


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Hab mal geschaut: EN 62137-2 ?

Wäre zumindest eine Prüfung bzgl. der Scherfestigkeit.

von Ralph T. (programinator)


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Interessante Norm, aber immer noch nicht das was ich mir erhofft hatte. 
Mir schwebt ja eine Art Leitfaden für den sicheren Umgang mit Baugruppen 
vor.

Ansatzweise behandelt das die IPC-610. Aber das Kapitel 3 ist schon zu 
Ende bevor es richtig angefangen hat. Und auch hier wieder nur im Rahmen 
der Fertigung einer Baugruppe.

von Stefan W. (stefan_w234)


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Ralph T. schrieb:
> Ansatzweise behandelt das die IPC-610.

Das ist eine reine Abnahmerichtlinie für die Inspektion bereits 
gefertigter Baugruppen, da wirst du nicht viel dazu finden. Quasi ein 
Bilderbuch mit Beispielen für "so sieht eine gute Lötstelle aus" und "so 
nicht".

Etwas ausführlicher ist die J-STD-001, aber die ist in dieser Richtung 
auch sehr allgemein gehalten.

von Hannes J. (Firma: _⌨_) (pnuebergang)


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Ich würde Normen für so etwas mehr Richtung branchen- und 
anwendungsspezifisch verorten und dort suchen. Transport, Lagerung, 
Inbetriebnahme von Baugruppen für XXX.

Luft- und Raumfahrt, Militär, Medizin, Waschmaschinenhersteller, 
Industrieelektrik, KFZ usw. haben je nach Anwendung sicher ganz 
unterschiedliche Vorgaben. So gab es von der NASA mal ihre Workmanship 
Standards. Nur machst du wahrscheinlich nicht in US-Raumfahrt[1] und die 
meisten Workmanship Standards sind mittlerweile durch Industrienormen 
ersetzt worden.

Da dein Kunde dir sowieso keinen NASA-Standard abkaufen wird, und wenn 
du nichts findest, schreib notfalls selber eine "Werksnorm" und jubel 
die deinem Kunden unter.

Nachtrag: Wenn ich so drüber nachdenke, ist eine Norm, mit der für 
Normen häufig typischen Sprache und Struktur, überhaupt das Richtige für 
Leute die erstaunt darüber sind das Elektronik empfindlich ist? Das 
Papier mit dem du wedeln willst muss zielgruppengerecht sein.

Aus Neugier würde mich mal interessieren was das für Arbeiter waren. 
Hilfskräfte oder welche mit deutscher Ausbildung (um die uns die ganze 
Welt beneidet ... </ironie>)?

_
[1] Also hoffentlich nicht. Solche Eisenbieger wie deine Kunden wären da 
irgendwie falsch am Platz.

: Bearbeitet durch User
von S. K. (hauspapa)


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"Defekte nach IPC-A-610H insbesondere Kapitel 9 dürfen weder in der 
Herstellung, noch beim Handling/Versand noch beim Einbau auftreten" 
würde schon mal einiges abdecken.

Maximales Verbiegen müsste IPC-6012 sein, die kann ich leider nicht 
nachschauen.

In der Praxis ist es eben nicht so einfach weil die Baugruppen sehr 
unterschiedlich sein können.
a) Wir haben Leiterplatten da sind nur Elkos, Widerstände, Drosseln und 
grobmotorische Stecker drauf. Alles bedrahtet und nicht zu schwer. Denen 
macht weder ESD noch mechanische Gewalt etwas aus solange man sie nicht 
fallen lässt.

b) Wir haben auch Leiterplatten mit sehr grossen SMD 
Keramikkondensatoren und empfindlicher Messtechnik. Die sterben an ESD 
und gecrackten Kondensatoren wenn man sie nur schief anschaut. Eine 
grössere Leiterplattendicke würde wohl helfen, geht aber nicht in das 
Sensorgehäuse des Kunden.

Die passenden Anforderungen muss man aushandeln und ein bisschen 
aufeinander Rücksicht nehmen.

viel Erfolg
hauspapa

von Ralph T. (programinator)


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Hannes J. schrieb:
> Aus Neugier würde mich mal interessieren was das für Arbeiter waren.
> Hilfskräfte oder welche mit deutscher Ausbildung
Das sind schon gut ausgebildete Fachkräfte. Allerdings kommt die 
Baugruppe in eine Maschine, die aus viel Stahl mit großen Elektromotoren 
besteht. Enstprechend werden Hinweise wie "vorsichtig, mit Gefühl" 
unterschiedlich interpretiert.

S. K. schrieb:
> "Defekte nach IPC-A-610H insbesondere Kapitel 9 dürfen weder in der
> Herstellung, noch beim Handling/Versand noch beim Einbau auftreten"

Das gefällt mir. Ich denke, dass werde ich zukünftig ins jeweilige 
Pflichtenheft übernehmen.

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