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Forum: Gesperrte Threads Die Verantwortung des Ingenieurs


Autor: Rüdiger Knörig (sleipnir)
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Heute gedenken wir also den Opfern von Dresden.

Dresden in Zahlen - etwa eine halbe Million Opfer, 28 Millionen 
Quadratmeter zerstörtes Weltkulturerbe. Wissenschaftlich geplant, von 
Leuten die wie heute "nur ihre Arbeit" machten. Coventry, Tokio, 
Hiroshima, Dresden - in gewissem Sinne "Ingenieursleistungen".

Zahlen - ein Abstraktionsmedium, gerade für Ingenieure. Eine halbe 
Million - die damalige amerikanische Außenministerin Madlaine Albright 
wurde auf einer Pressekonferenz gefragt, ob sie die halbe Million 
verhungerter irakischer Kinder als Resultat ihrer Embargopolitik 
verantworten könne. Sie antwortete prompt "Das war es uns wert".

Dahingeopfert für das "Gute" - im Vietnamkrieg erreichte diese 
Perversion ihren Höhepunkt in der Pressemitteilung "Zu ihrer Rettung 
vernichtet".
Die ersten lasergesteuerten Bomben und computergesteuerte Bombenabwürfe.
DIANA - Digital integrated navigation and aiming assistance. Viele 
Seiten Quellcode. Wie in den Steuerrechnern der Interkontinentalraketen.

Werden wir dies wirklich verantworten können? Selbst wer nicht an einen 
himmlischen Richterstuhl glaubt oder nicht den Richterstuhl des inneren 
Gewissens fühlt sollte sich bewußt sein das die jetzige Ordnung der Welt 
nicht ewig währen wird.

Noch schlagen "unsere" Bomben in Hochzeitsgesellschaften ein und 
zerstören aus heiterem Himmel und ohne Anlaß und Ursache jähes Glück. 
Doch die Vormachtsstellung des Westens bröckelt, verfault wie alles 
Lebendige unter dem Atem derjenigen die Gott spielen wollten, und das 
einstmals solide Fundament gibt in seiner Erosion den Blick auf 
ungeahnte Falltiefen frei. "Richtet nicht, auf das ihr nicht gerichtet 
werdet." Was ist, wenn es einmal umgekehrt kommen sollte? Womit sollen 
wir uns moralisch verteidigen? Man wird uns sagen: "Ihr behaupteted 
doch, daß ihr in einer Demokratie gelebt hat, also waren die 
Regierungen, die damals die Bomber schickten, eure Untertanen - also ist 
es mit eurer Billigung geschehen!"

Was wäre, wenn statt der abstrakten Zahlen die Einzelschicksale auf der 
Anklagebank Platz nehmen würden? Die 600.000 Flüchtlinge aus Schlesien 
und Ostpreußen, die nach ihrer Ankunft in Dresden gehofft hatten, das 
für sie die unglaublichen Schrecken von Krieg und Vertreibung vorbei 
sein würden? Die Menschen, die in Luftschutzkellern bei Temperaturen um 
600 Grad zu Kinderpuppen verschmorten? Die Mutter mit dem Kind, die sich 
aus einem brennenden Haus rettete und im kochenden Asphalt der Straßen 
zu einem Aschehäufchen verbrannte? Jeder weiß, wie schmerzhaft selbst 
kleine Brandwunden sind - wie lange sind diese Leute bei Bewußtsein 
geblieben?

Wie schon so oft in der Geschichte der Menschheit wurde im Namen des 
"Guten" die Hölle auf Erden errichtet. Hat die Menschheit etwas daraus 
gelernt? Nein, danach kamen Stalins Gulags, Maos Mörderbanden und 
Hungerkatastrophe und Pol Pots "Killing Fields". 60 Millionen, 80 
Millionen, "nur" 3 Millionen. Zahlen. Es kam der Vietnamkrieg, es kam 
Madlaine Albright.

Bezeichnend für das 20. Jahrhundert war die wissenschaftliche Präzision, 
mit der man die Vernichtung plante. Es wurde lange an der optimalen 
Mischung von Brand- und Sprengbomben gefeilt, um die verheerenden 
Feuerstürme in den mittelalterlichen Städten in Deutschland und Japan zu 
entfachen. Terror - ein Begriff aus der französischen Revolutionszeit, 
der die Einschüchterung der Massen durch die Regierung zum Inhalt hatte 
- übrigens auch wieder "im Namen des Guten".

Auch heute werden Menschen aus heiterem Himmel im Namen des "Guten" von 
Bomben verstümmelt oder getötet oder durch Phosphor grausam verbrannt. 
Phosphor - wovon die Alten mit Grausen erzählten, das es Geschwister, 
Eltern, Kinder und Freunde in brennende Fackeln verwandelte, ohne das 
man ihnen helfen konnte. Ein französischer Arzt erfand aus reiner 
Menschenfreundlichkeit die Guillotine.

Warum sollten wir diesen Menschen gedenken? Damit die über 100 Millionen 
Einzelschicksale auf der Waagschale des Gewissens Platz nehmen können, 
wenn wir wieder dazu berufen werden sollen, im Namen des "Guten" das 
Schwert zu ergreifen oder es zu schmieden.

Wie sollten wir ihnen gedenken? Dem Vermächtnis der Opfer entsprechend. 
So wie bei der Wiedereinweihung der Dresdner Fraunkirche, wo Überlebende 
und ehemalige Bomberpiloten im Zeichen der aufrechten Versöhnung 
zusammenkamen. Es war ein Zeugnis, daß Haß und Verblendung keine 
Einbahnstraßen sind, daß aus dem Rauch und Trümmern von Dresden, 
Hiroshima und Coventry wieder das zarte Grün wahrer Menschlichkeit 
erwachsen kann.

Wo der Haß geblieben war? Der demonstrierte damals derart offenkundig, 
daß selbst ein ehemaliger britischer Bomberpilot die demonstrierende NPD 
symphatischer fand - und auch treu dem Diabolo, dem Geist des 
Widerspruchs. Angeblich Toleranz, Frieden und Antirassismus verkörpernd 
offenbarte allein der Name "Antideutsche" den innewohnenden Haß und den 
Rassismus. Auch die Spruchbänder wie "Wer Deutschland liebt, den können 
wir nur hassen", "Bomber Harris, do it again", "Kein Frieden mit 
Deutschland" ließen kein Zweifel - vollends ins Absurde gingen die 
"Shalom, Shalom"-Gesänge als Protest gegen eine Veranstaltung, die 
wirkliche Versöhnung und Überkommen des Hasses zum Inhalt hatte.

Man kann das gesamte 20. Jahrhundert als Erwachsenwerden der Menschheit 
betrachten. Dazu gehört, Verantwortung für unsere Taten zu übernehmen.
Ansonsten wird die Menschheit an dieser Schwelle scheitern und 
untergehen.

: Verschoben durch Moderator
Autor: Vlad Tepesch (vlad_tepesch)
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Rüdiger Knörig schrieb:
> Man kann das gesamte 20. Jahrhundert als Erwachsenwerden der Menschheit
> betrachten. Dazu gehört, Verantwortung für unsere Taten zu übernehmen.
> Ansonsten wird die Menschheit an dieser Schwelle scheitern und
> untergehen.

Wie kommst du darauf, dass nach 5000 Jahren voller Kriege und religiöser 
Verblendungen ein Jahrhundert ausreicht um die Menschheit erwachsen 
werden zu lassen?


Ich sehe in den letzten Jahren keinen allzugroßen Unterschied zu der 
früheren Geschichte.

Bestimmte Großmächte marschieren mit fadenscheinigen Gründen in andere 
Länder mit der Begründung "Kampf gegen den Terror", nachdem sie ein paar 
Jahrzehnte zuvor die größten terroristischen Anschläge der 
Menschheitsgeschichte mit Millionen an zivilen Opfern auf auf den 
Gewissen haben.

Die Gründe sind seit über 5000 Jahren die gleichen:
Reichtum, Macht, Religion
Wobei letzteres auch nur als Deckmantel für das Streben nach den ersten 
Punkten genutzt wird um gutgläubige Anhänger/Mitstreiter zu gewinnen.

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