Forum: Mikrocontroller und Digitale Elektronik AVR Zuverlässigkeit


von Tim M. (tim90)


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Hallo!,

ich hätte eine Frage bezüglich der Zuverlässligkeit von AVR Controllern 
im direkten Vergleich zu Logik Gattern.
Konkret geht es um eine Schaltung mit einem AND, OR Gatter sowie einen 
Timer die einen Ausgang schaltet. Man könnte das Ganze nämlich auch mit 
einem kleinen Attiny sogar stromsparender auslegen.
Wenn man davon ausgeht das die SW am Attiny fehlerfrei arbeitet ist dann 
diese Konstellation genau so zuverlässig wie die reine Hardware Version?


Gruß,
Tim

von Pandur S. (jetztnicht)


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Was wuerde denn Ausfaelle verursachen. Welche Anforderungen hast du  ?

Hohe Temperaturen ?   >120 Grad
Tiefe Temperaturen ?  < -20 Grad
Strahlung ?           Kosmische, Protonen, Neutronen
Lebensdauer ?         > 100 Jahre

von Tim M. (tim90)


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Temperaturbereich aller ICs ist gleich: -40 bis 105°C (theoretische 
Annahme)
Als Lebensdauer vielleicht 20-30 Jahre

>Strahlung ?           Kosmische, Protonen, Neutronen
Gute Frage - Wie wahrscheinlich ist es das genau das Bit des 
Ausgangsregisters auf '1' kippt...

von Gerhard O. (gerhard_)


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In meiner Wetterstation werkeln seit 2001 erfolgreich vier über RS485 
kommunizierende uC. Da es bei uns sehr kalt im Winter werden kann, sind 
Temperaturextreme bei mir (Edmonton) von -45 bis 35 Grad C keine 
Seltenheit. In den fast zwanzig Jahren an andauerndem Betrieb hatte ich 
bis jetzt noch keine einzige Anomalie bzw Absturz. Die FLASH sind auf 
jedenfall stabil genug. Ich habe eigentlich nicht den Eindruck, daß man 
sich deswegen übermäßige Sorgen machen muß solange man die HW 
professionell entwickelt. Bei Chinabords hätte ich möglicherweise schon 
Bedenken.

Man sollte sich bei der HW Entwicklung an die Vorgaben der Datenblätter 
und die Hinweise in den diversen Appnotes halten. Unbedachte 
Vereinfachungen und Änderungen können sich natürlich negativ auswirken. 
Auch darf man nicht den Fehler machen EEPROM unnötig regelmäßig zu 
beschreiben wie es einmal einem Junior Designer in meiner Firma vor 
vielen Jahren passiert ist. Es ist wichtig den uC von der externen 
Beschaltung zu schützen. Ich mache es bei mir die Regel, daß kein uC 
oder Logikpin die Bord ungeschützt verlassen darf oder externe Signale 
verarbeiten darf. TVS, RCs, OptoCouplers, Relais isolieren die 
empfindlichen uC IOs. Wer sich konsequent daran hält, wird kaum 
schlechte Erfahrungen sammeln. Auch Beachtung richtiger Beschaltung von 
RESET, BOD, und ganz wichtig, richtig dimensionierte Und angebrachte 
Entkopplungs Cs sorgen für zuverläßige Operation einer uC Schaltung. 
Auch die Qualität der Stromversorgung muß ausreichend gut genug sein.

Ein über die Testschaltung gelegtes Lötkolben Kabel einer WTCP 
Lötstation darf eine nach so entwickelten uC keine RESETs verursachen. 
Auch das Ein- und Ausschalten großer induktiver Lasten darf keine 
Auswirkungen zeigen.

UC Zuverläßigkeit ist nur teilweise die Domaine des uC. Die Art des 
Einbaus hat viel Einfluß auf die Zuverläßigkeit der Anordnung.

Feuchtigkeit und Tau kann unter Umständen unerwartete Probleme 
verursachen. Da hilft nur konformale Beschichtung der LP. Besonders uC 
Quarzoszillatoren sind davon betroffen. Es kann nützlich sein uC mit 
Fail Safe Taktsystemen zu wählen die autonom von dem externen Quarz auf 
interne Backups umschalten können sollte der externe Takt ausfallen.

Man könnte noch viel zum Thema uC Anwendung aufbringen. Ich muß jetzt 
aber weg wegen Besuch;-)

So gesehen ist die Zuverlässigkeit für mich ausreichend. Der uC ist 
meist das geringste Problem. Die Probleme sitzen meist davor;-)

von Stefan F. (Gast)


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Ich kann mich nicht daran erinnern, dass irgendeiner meiner 
Mikrocontroller jemals eine Fehlfunktion hatte - außer bei instabiler 
Stromversorgung.

Wass mir aber einmal vor ca 25 Jahren passierte: Der Flash Speicher 
meines Modems verlor seinen Inhalt teilweise. Ich bekam vom Hersteller 
einen programmierten Ersatz-Chip zu einem sehr fairen Preis.

von Tim M. (tim90)


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@gerhard_
Vielen Dank für Deinen ausführlichen Erfahrungsbericht!

Ich hätte es im Endeffekt so gelöst:
- Einsatz z.B. von Attiny402 (Versorgung 3,3V)
- Verwendung des internen 32kHz Timers
- Aktivierung von BOD & Watchdog
- Eingänge mit 10k abgesichert
- Abdockkondensator
- Programmierung via UPDI (Sehr interessante Schnittstelle!) - PullUp 
des Ports via 10k
- EEPROM wird nicht verwendet

Ist ein Hardware Gatter weniger Störanfällig für z.B. Induktive Lasten?

von M. K. (sylaina)


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Tim M. schrieb:
> Ist ein Hardware Gatter weniger Störanfällig für z.B. Induktive Lasten?

Verrate uns doch mal, was die eigentliche Aufgabe ist statt dass du nur 
fragst, wie lange deine Lösung funktionieren würde? Möglicherweise hast 
du schon die perfekte Lösung für deine Aufgabe, vielleicht steckt aber 
auch noch jede Menge Optimierungspotential drin.

von Jörg W. (dl8dtl) (Moderator) Benutzerseite


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Gerhard O. schrieb:
> EEPROM unnötig regelmäßig zu beschreiben wie es einmal einem Junior
> Designer in meiner Firma vor vielen Jahren passiert ist

Nicht nur dem. Es gab wohl schon Fernseher, die grundsätzlich beim 
Ausschalten die Konfiguration in einen EEPROM geschrieben haben – bis er 
kaputt war.

von Victor Varistor (Gast)


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Tim M. schrieb:

> Wenn man davon ausgeht das die SW am Attiny fehlerfrei arbeitet ist dann
> diese Konstellation genau so zuverlässig wie die reine Hardware Version?

Nein. Berechne einfach die Ausfallwahrscheinlichkeit des Systems anhand 
der Ausfallwahrscheinlichkeit der einzelnen Komponenten und 
Verbindungspunkte (Lötstellen).

https://medtech-ingenieur.de/grundbegriffe-der-zuverlaessigkeitsberechnung-elektronischer-baugruppen/

von Victor Varistor (Gast)


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http://www.janson-soft.de/pe/pek03.pdf

letzte beiden seiten haben beispiele für 
einzelausfallwahrscheinlichkeiten.
Die Gatter haben also einen geringeren FIT als eine CPU.

https://de.wikipedia.org/wiki/Failure_In_Time

von Jörg W. (dl8dtl) (Moderator) Benutzerseite


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Victor Varistor schrieb:
> Berechne einfach die Ausfallwahrscheinlichkeit des Systems anhand der
> Ausfallwahrscheinlichkeit der einzelnen Komponenten und
> Verbindungspunkte (Lötstellen).

Wenn du nach den Lötstellen geht, könnte die MCU-Variante tatsächlich 
sogar besser abschneiden.

von Victor Varistor (Gast)


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Jörg W. schrieb:
> Victor Varistor schrieb:
>> Berechne einfach die Ausfallwahrscheinlichkeit des Systems anhand der
>> Ausfallwahrscheinlichkeit der einzelnen Komponenten und
>> Verbindungspunkte (Lötstellen).
>
> Wenn du nach den Lötstellen geht, könnte die MCU-Variante tatsächlich
> sogar besser abschneiden.

Ebenso Anzahl der Stützkondensatoren PullUps etc.. Getreu dem Spruch 
"Was nicht auf der Platine ist, kann auch nicht kaputtgehen"


Fehleraten attiny wurden auch schon in diesen threads durchgekaut:
Beitrag "MTTF von Atmega16"
Beitrag "Lebensdauer Atmega Attiny13 Dauerbetrieb"

von Nobbi (Gast)


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Was soll die EEPROM-Unkerei?

Da gibt es Herstellerdaten für die Schreibzyklen - und wenn
man die einhält, ist die Nutzbarkeit über Jahre und Jahrzehnte
möglich.

Ich schreibe jede Minute (!) 2 Byte umlaufend in ein 512-Byte-EEPROM.
Mit 100.000 garantierten Schreibzyklen wäre nach 100.000 * 512/2
Minuten = 426.667 Stunden = 17.778 Tagen Schluss.

Oweh!!! Das sind ja nur 48 Jahre!

Der Fernseher, der beim Ausschalten die Konfiguration in's EEPROM
schreibt, ist ein lächerliches Argument, falls das EEPROM die
gleichen Schreibzyklen, wie das der ATTinies, oder ATMegas hat:

24 mal am Tag das komplette EEPROM um-schreiben, hieße 100.000
Stunden Betriebsdauer: 100.000 / 8.760 = 11,4 Jahre.
Schaltet man den TV nur 6 mal am Tag ein/aus, hätten wir 45 Jahre.
Ich schalte meist nur 1 - 2 mal täglich ein-aus, erwarte aber
nicht, dass das Gerät nach 135 ... 270 Jahren noch funktioniert...

von MaWin (Gast)


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Tim M. schrieb:
> Zuverlässligkeit von AVR Controllern
> im direkten Vergleich zu Logik Gattern

Was wird vergelichen: 10000 Gatter gegen eine CPU?

Wenn du die Schaltung mit 10 Logik ICs baust, ist sie theoretsich 
zuverlässiger als ein µC. Beim µC sind der Takt und die Speicher die 
kritischen Punkte bei der HW. SW ist immer fehlerbehaftet.

Ist der Ausfall unkritisch und ungefährlich, kannste den µC nehmen.

von H.Joachim S. (crazyhorse)


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Früher (tm) waren die Eeproms deutlich schlechter. Ich habe die in 
Glotzen reichlich gewechselt. Wenn ich mich recht erinnere irgendwelche 
SDA-Bausteine in Grundig-Fernsehern.

von Irgend W. (Firma: egal) (irgendwer)


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Nobbi schrieb:
> Ich schreibe jede Minute (!) 2 Byte umlaufend in ein 512-Byte-EEPROM.
> Mit 100.000 garantierten Schreibzyklen wäre nach 100.000 * 512/2
> Minuten = 426.667 Stunden = 17.778 Tagen Schluss.

Du weißt hier ja so wie es aussieht auch was du tust. Du glaubst aber 
garnicht wieviele schon gedacht hatten das man sich das "umlaufend" doch 
sparen kann - die Dinger halten ja sowieso ewig.
Ohne das "umlaufend" werden aus deinen 17778 Tagen plötzlich nur noch 69 
Tage. Genug um beim Testen nicht aufzufallen, wenig genug um den Kunden 
in der Massenproduktion zu verärgern.
Meist können die Dinger ja keine Datenblatt lesen und halten um einiges 
länger und/oder nicht jedes Gerät läuft auch 24/7 und schwups das 
Problem taucht erst nach der Garantiezeit auf und der Kunde schreit 
"geplante obsolenz" (weil der Fehler ja durchaus auf mehreren Geräten 
nach ähnlicher Zeit reproduzierbar ist) und der Entwickler ist sich 
keiner Schuld bewusst:-)

von MaWin (Gast)


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Irgend W. schrieb:
> 17778 Tagen

Sind wieviele Jahre? Was ist das für ein Produkt?

von Wolfgang (Gast)


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Tim M. schrieb:
> Ist ein Hardware Gatter weniger Störanfällig für z.B. Induktive Lasten?

Induktive Lasten erzeugen nur unkontrollierte Spannungsspitzen, wenn du 
sie nicht korrekt beschaltest.
Eine per Hardware aufgebaute sequentielle Logik wäre davon genauso 
betroffen, wie ein µC.

Bei reiner Gatterlogik dauert die Ausgangsstörung nur so lange, wie die 
Eingangsstörung. Sobald Zustandsspeicher ins Spiel kommen, kann sich ihr 
Zustand durch Störungen ändern, so dass der Ablauf durcheinander kommen 
kann.

von Soul E. (Gast)


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Irgend W. schrieb:

> Meist können die Dinger ja keine Datenblatt lesen und halten um einiges
> länger (...)

Man kann es nicht oft genug wiederholen: Flash bzw EEPROM ist "kaputt" 
im Sinne des Datenblattes wenn die spezifizierte Data retention time 
nicht mehr eingehalten wird. Das sind typischerweise 20 Jahre bei einem 
EEPROM oder Programmspeicher (NOR-Flash) und 1 Jahr bei einer 
(unbestromten) SSD (NAND-Flash).

Wer jeden Tag neu schreibt kann den Speicher auch noch nutzen wenn die 
Daten nur noch zwei Tage erhalten bleiben. Damit ergeben sich in der 
Praxis deutlich höhere Nuztzungsdauern.

von 2 Cent (Gast)


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Wolfgang schrieb:
> Bei reiner Gatterlogik dauert die Ausgangsstörung nur so lange, wie die
> Eingangsstörung.
Gegenstichwort Latch-up, sehr von Details der Hardware abhängig, Bumm 
und klemmt.
Aufhängen eines uC in Gegenzug: Denk mal an dein ABS im Auto, das macht 
nicht zum Spass locker 1000 reboots in jeder Sekunde, Ziel: 
Ausgangsstörung auch nur so lange wie eine Eingangsstörung erreicht.

Da das hier eine sehr philosophische runde werden wird noch ein 
Stichwort: Ersatzteilbeschaffung. Wo bekäme ein dritter (zB Kunde) in 
dreissig Jahren noch einen passend programmierten uC her?

von Wolfgang (Gast)


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2 Cent schrieb:
> Aufhängen eines uC in Gegenzug: Denk mal an dein ABS im Auto, das macht
> nicht zum Spass locker 1000 reboots in jeder Sekunde, Ziel:
> Ausgangsstörung auch nur so lange wie eine Eingangsstörung erreicht.

Damit wird doch nur die iso 11452-4 "betrogen", genauso wie ein 
Oszillator der mit seiner Frequenz hin- und her zappelt, verhindert, 
dass ein Peak im abgestrahlten Spektrum irgendeinen Pegel in genormten 
Grenzwertkurven reißt.

von Gerhard O. (gerhard_)


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Wenns interessiert: Ich "quälte" vor 15 Jahren den EEPROM eines 
PIC18F452 bis zum "Verrecken". Der Arme brachte es auf 14e6 
Schreibvorgänge innerhalb von zwei Tagen auf dieselbe Adresse. Die zwei 
benachbarten Adressen gingen auch kaputt obwohl die restlichen Zellen 
überlebten und sich weiterhin als beschreibbar zeigten. Publiziert 
werden von Microchip 1e6 und 100 Jahre Speicherzeit. Die anderen 
erhaltenen Daten waren übrigens nach 10 Jahren immer noch lesbar weil 
ich den uC von Zeit zu Zeit deswegen überwachte. Für etwas wichtiges 
würde ich den EEPROM allerdings nicht mehr verwenden wollen wo 
Dauerhaftigkeit vonnöten wäre. Technisch ist das arme Ding als 
abgeschrieben zu betrachten. Ist jetzt nur noch eine "Laboratory 
Curiosity".

von Panoptikus (Gast)


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> Ist jetzt nur noch eine "Laboratory Curiosity".
Armes Ding. Bei früheren Abartigkeiten waren Buckel oder Klumpfüße der 
Renner.

von Karl B. (gustav)


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Hi,
in einem "schlauen" Buch wurde einmal die Behauptung aufgestellt, dass
beim Wechsel von rein TTL gestützer Technik zu µP-Technik die 
Ausfallquote um den Faktor 10 gesunken sei.
Hier spielte auch der ominöse, herumggeisternde Begriff "getaktete" 
versus "ungetaktete" Systeme eine gewisse Rolle.

Tim M. schrieb:
> Konkret geht es um eine Schaltung mit einem AND, OR Gatter sowie einen
> Timer die einen Ausgang schaltet.

Kann man mehr erfahren?

ciao
gustav

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